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Interview mit Architekt Johannes Hoffmann

Johannes Hoffmann schloss sich 2005 dem Büro Zaha Hadid Architects für die Entwicklung des Riverside Museum of Transport in Glasgow an. Darauf folgten verschiedene Projekte im Kultur- und Sportbereich, wie das Investcorp Building am St Antony´s College, Oxford und der Stadionneubau „Al Wakrah“ für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Von 2015 bis 2018 war Hoffmann Generalplaner für die Halle 3C der NürnbergMesse.

Herr Hoffmann, Sie sind seit über zehn Jahren für Zaha Hadid Architects tätig. Was hat Sie am meisten an Ihrer ehemaligen Chefin Zaha Hadid beeindruckt? Was haben Sie aus der Zusammenarbeit mitgenommen?
Ich fing 2005 bei Zaha Hadid als Projektarchitekt für das Transport Museum in Glasgow an, welches wir 2011 eröffneten. Zaha war eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Am meisten beeindruckt mich noch heute Ihre Kapazität, hochmotivierte und talentierte Architekten um sich zu scharen und für ihre Ideen zu gewinnen. Auf diese Weise gelang es ihr eine unglaublich kreative Architekturwerkstatt aufzubauen, in der sie gewissermaßen als Kuratorin auftrat, um Ideen anzuregen und zu fokussieren.

Zaha Hadid sagte in einem Interview: „Ich glaube wirklich an die Zukunft“. Was ist für Sie „Zukunftsarchitektur“?
Bei Zukunftsarchitektur sollte man nicht nur an neue Technologien denken. Ein Gebäude hat dann Zukunft, wenn es auch noch in 15, 30, 50 Jahren von seinen Nutzern geschätzt wird. Daraus schließt sich zum einen, dass das Gebäude anpassungsfähig sein sollte. Es bedeutet aber auch, dass das Gebäude eine positive Ausstrahlung hat, motivierend wirkt und soziale Kontakte fördert. Dies sind zeitlose Charakteristika.

2019 feiert ganz Deutschland 100 Jahre Bauhaus. Was wird man im Jahr 2119 über die heutige Architektur, über Ihre Architektur sagen?
Zaha war ein „Trailblazer“. Ähnlich wie der Bauhaus Architektur gelang es ihr, in einer recht kurzen Zeit Architektur- und Designsprache weltweit nachhaltig zu beeinflussen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Zahas Einfluss und somit der Erfolg unserer Architektur mit dem Beginn der digitalen Revolution zusammenfällt und davon beschleunigt und verbreitet wurde. Gute Architektur ist immer zeitgemäß, und gelegentlich auch einen kleinen Schritt der Zeit voraus. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Architektur auch rückblickend als solche erkannt werden wird.

Fakten und Fotos zur neuen Halle 3C
Man spricht von der Strahlkraft, die von einem Gebäude auf seine Umgebung und auf ganze Städte ausgeht. Welche Kraft geht in Ihren Augen von der Halle 3C aus?
Die meisten Messehallen sind in sich geschlossene, nach innen gerichtete Gebäude. Sie isolieren Aussteller und Besucher von der Außenwelt. Nach außen, zum Stadtraum hin wirken sie eher industriell und silo-haft. Wir wollten das Gegenteil bewirken: Durch ihre vollverglasten Südansichten öffnen sich beide Hallen 3A und 3C zur Stadt und damit zur Öffentlichkeit. Es entsteht ein lichtdurchfluteter Raum mit Bezügen nach außen. Das Gebäude stellt sich als zum Stadtraum offener, kommunikationsfreudiger Umschlagplatz dar. Die nach außen gelagerten „Baumstützen“ geben der Fassade räumliche Tiefe und Plastizität.

Rund um den Globus hat Ihr Büro beeindruckende Gebäude entwickelt – Museen, Opernhäuser, Universitätsgebäude. Was verbindet die Gebäude in Peking, Abu Dhabi, Rom oder Nürnberg miteinander? Wo in der 3C zeigt sich die Zaha-Hadid-DNA am deutlichsten?
Unser Büro ist, salopp gesagt, für eine Architektur wilder, meist organischer Formen bekannt. Hierbei wird aber missverstanden, dass sie sich nicht nur auf reine Äußerlichkeiten bezieht. Zaha war in erster Linie daran interessiert, neue Formen des Raums, der Wahrnehmung des Raums und des öffentlichen Raums zu finden – zugeschnitten auf das jeweilige Projekt. Durch neue Formen streben wir an, neue Möglichkeiten der Nutzung und des Erlebens zu erschließen.

Hierfür entwickeln wir immer neue Architektur- bzw. Raummodelle. Natürlich kommt es dabei auch vor, dass gewisse stilistische Merkmale immer mal wieder zur Anwendung kommen. Aber grundsätzlich sind es die Inhalte bzw. die Philosophie, welche die Gebäude weltweit miteinander verbindet.

Bei der Halle 3C sind unsere Ideen am klarsten in der pragmatischen Ordnung des Raums sowie im prägnanten Dachtragwerk wiederzufinden.

Mit 3A und 3C hat Zaha Hadid Architects erstmals Messehallen verwirklicht. Was stand bei den Entwürfen im Fokus?
Wir waren ganz klar auf die „User Experience“ fokussiert. Darauf, wie Menschen das Gebäude erleben. Wir wollten ein Gebäude schaffen, welches sich positiv zum Stadtraum, zur Öffentlichkeit hin bekennt und sich mit dem Innenraum optimistisch und weltoffen darstellt. Hier haben wir einen sehr großzügigen und klar organisierten Raum geschaffen, der eine angenehme Atmosphäre ausstrahlt. Des Weiteren signalisiert eine Reihe an Details und eine spezifische Formensprache dem Nutzer, dass es sich hier um mehr als einen Industriebau handelt.
Natürliche Beleuchtung sowie eine gute Akustik und Luftqualität sorgen für ein angenehmes Ambiente in der Halle 3C.
Messehallen sind Bühnen für Innovation und Foren des Dialogs. Wie kann Architektur zur Präsentation und Kommunikation beitragen?
Die Architektur sollte dazu beitragen, Begegnungen zu ermöglichen und sie zu bereichern. Sie soll Rückzugsmöglichkeiten bieten und Zufallstreffen gestatten.Die Hallen 3C und 3A bieten eine klare Organisation und eine gute Übersicht, welche die Orientierung vereinfachen und eine intuitive Wegeführung ermöglichen. Des Weiteren tragen die natürliche Beleuchtung, die gute Akustik und die klimatischen Bedingungen zu einem angenehmen Ambiente bei. Mit der über den Ausstellungsraum schwebenden Terrasse bietet die Halle 3C auch eine Fläche für gesellschaftliche Treffen und Austauschmöglichkeiten am Rande des Messegeschehens.

Die Halle 3A, die 2014 eröffnet wurde, grenzt direkt an die „Großen Straße“ und damit an das ehemalige Reichsparteitagsgelände von Albert Speer. Wie geht man als Architekt mit solch historisch belasteten Orten um? Welche Rolle spielt Geschichte in Ihren Entwürfen und spielte sie beim Entwurf der beiden Hallen?
Ungeachtet der Frage, ob Architektursprache an sich durch historische Geschehnisse belastet werden kann, sind Gebäude natürlich immer auch Zeitzeugnisse. Daher ist es wichtig, dass Architektur zeitgemäß ist und sich der Zeitgeist in Gestaltung und Konzept wiederspiegelt. Auch sollte sich der Charakter – und in diesem Sinne die Weltansicht des Bauherrn – im Gebäude wiederfinden.

Dies ist bei den Hallen 3A und 3C der Fall. Sie strahlen die Werte und Botschaften der NürnbergMesse aus und vermitteln Weltoffenheit, Internationalität und Toleranz. Sie laden ein zu Kommunikation, Austausch und Handel. Damit stehen sie geradezu diametral zur Vergangenheit und den baulichen Überresten der NS-Ideologie.

Nürnberg hat sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025 beworben. Sie haben ein Museum in Glasgow entwickelt – das 1990 Kulturhauptstadt war – und arbeiten an Projekten für Kultur- und Sporteinrichtungen. Welchen Beitrag kann Architektur für das kulturelle Leben einer Stadt leisten?
Architektur leistet einen sehr großen Beitrag zum kulturellen Leben einer Stadt, sowohl inhaltlich als auch funktional. Besonders in der Stadt trägt Architektur enorm zur Identifikationsbildung bei und kann das Gemeinschaftsgefühl und die Interaktivität beeinflussen.

Architektur und Design erstrecken sich über sehr große Maßstabsunterschiede hinweg. Vom Städtebau bis zur Innenarchitektur und Möbeldesign bis hin zu Haushaltswaren, sodass wir alle nahezu konstant durch Design und v.a. eben durch Architektur in unserem täglichen Leben beeinflusst werden.

Gute Architektur spiegelt die Ideen und den jeweiligen Zeitgeist wieder, sodass Architektur – mehr wahrscheinlich als jede andere künstlerische Disziplin – das Potential hat, unser heutiges kulturelles Verständnis über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg festzuhalten und zu übertragen.
Gelegenheit für Gespräche bietet der gastronomische Bereich im 1. Stock der neuen Halle 3C.
Wenn Sie heute die fertiggestellten Hallen besichtigen, was erfreut Sie am meisten?

Es gibt tatsächlich ein paar Punkte, über die ich mich persönlich besonders freue. Zum einen ist da das schon mehrfach genannte, fantastische Dachtragwerk. Es verbindet den Raum zu einer Einheit und zelebriert das Ingenieurwesen des Gebäudes. Zum anderen finde ich die Terrasse sehr gelungen. Diese war übrigens eine Idee des Baumanagement-Teams der NürnbergMesse. Von hier aus hat man einen wundervollen Überblick über das Messegeschehen, und die Möglichkeit, sich dem Trubel zu entziehen, wenn es einem danach ist.

Welchen Stellenwert hat Nachhaltiges Bauen in der modernen Architektur und wie sind die Hallen 3C und 3A hier zu bewerten?
Nachhaltigkeit bedeutet für uns langfristig verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Dieses Denken ist in unserem Entwurfsprozess integriert, bzw. wir lassen uns davon inspirieren, um kreative und innovative Lösungen zu finden. Beide Hallen sind DGNB Platin zertifiziert, was zeigt, dass dieses Denken von Anfang des Designprozesses mitgelenkt hat. Die Hallen sind extrem flächeneffizient und haben multifunktionale Nutzflächen. Die Glasfassaden sind für eine optimale Tageslichtnutzung ausgerichtet und es wurde ein materialökologischer Bauteilkatalog zum Nachweis des Einsatzes nachhaltiger Baustoffe erstellt, um nur ein paar Beispiele zu nennen.