Allzeit erreichbar, allzeit bereit?

Über die Forderung nach ständiger Erreichbarkeit in einer digitalisierten Gesellschaft: auf der ConSozial, Deutschlands größter KongressMesse für den Sozialmarkt, wird diskutiert, wie Digitalisierung menschlich gestaltet werden kann.  /// von 

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Digitale Anwendungen haben sich bei den meisten Menschen fest im Alltag etabliert. Kinder kommen immer früher mit digitaler Technik in Berührung und wachsen zu sogenannten „digital natives“ heran. Viele Jugendliche können sich ein Leben ohne soziale Medien gar nicht mehr vorstellen. Ob es sich um den Einkauf, die Informationsbeschaffung oder das Kommunizieren handelt, alles findet in der digitalen Welt statt. Im Schnitt schaut jeder Deutsche circa alle 18 Minuten auf das Smartphone, schreibt Nachrichten, ist in sozialen Medien aktiv oder in sonstiger Weise mit dem Handy beschäftigt. Das ergibt pro Tag über 50 Interkationen!

Das wirkt sich auch auf Social-Media-Verantwortliche aus. Sie müssen daher ihre Kanäle stets im Blick behalten. Damit bekommen sie 24/7 mit, was geschieht. Und weil in sozialen Netzwerken oftmals eine Antwort in Echtzeit erwartet wird, ist der Druck groß, immer und gleich darauf zu reagieren.

Die 24-Stunden Gesellschaft: ständige Erreichbarkeit

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Eberhard Thörel, Psychologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Freiburg

Das ständige Auf-Sendung-Sein macht aber auf Dauer krank, sagt Psychologe Eberhard Thörel. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Universität Freiburg. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Master-Management ständiger Erreichbarkeit“, über das er auf der ConSozial referiert, hat sich der Psychologe mit den Auswirkungen dieses neuen gesellschaftlichen Phänomens beschäftigt.

Das Schwierige für Social-Media-Verantwortliche sei es, den permanenten Aktivierungszustand überhaupt erstmal bewusst wahrzunehmen, sagt Thörel. Nur selten werde die ständige Erreichbarkeit vom Arbeitgeber explizit eingefordert. Es sei vielmehr die Funktionsweise des Mediums, die der Berufsgruppe zu schaffen mache. Der Dauerstress, ausgelöst durch die ständige Erreichbarkeit fördert Schlafprobleme, Depressionen, Burnout und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, so die Ergebnisse von diversen Studien.

Grenzen setzen, Stress abbauen

Deshalb sei es wichtig, Grenzen zu setzen, sagt der Experte. Wer sich in einem ständig aktivierten Zustand befindet, schüttet tagsüber das Stresshormon Cortisol aus. Abends, nach der Arbeit, sei der Körper darauf angewiesen, dass er abschalten könne, um gut zu schlafen. Nur so könne sich das gesamte System sich regenerieren. „Wer abends noch Nachrichten checkt oder beantwortet, der fährt mental nicht herunter, es wird noch einmal Cortisol ausgeschüttet, man schläft schlecht“, sagt der Psychologe. Man könne zwar nicht pauschal sagen, wann die ständige Erreichbarkeit und der damit verbundene Dauerstress krank mache, doch klar sei, dass diese Faktoren sich bei vielen Social-Media-Verantwortlichen mittel- oder langfristig negativ auf die Gesundheit auswirkten.

„Arbeitsrechtlich gibt es keine Verpflichtung zur ständigen Erreichbarkeit“, betont Thörel. Doch für Social-Media-Verantwortliche gibt es noch keine festen Arbeitsrichtlinien und Betriebsvereinbarungen. Dabei betrifft die Problematik in Deutschland bereits rund 30 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Doch wie kann man Grenzen setzen? Dieser Frage geht Thörel bei seinem Fachvortrag auf der ConSozial am Mittwoch, den 7.11.2018 um 14 Uhr im Messezentrum Nürnberg nach.

Digitalisierung menschlich gestalten

Die ConSozial steht dieses Jahr unter dem Motto „Digitalisierung menschlich gestalten“. Die führende KongressMesse für den Sozialmarkt möchte einen umfassenden Blick auf das allseits viel diskutierte Thema werfen.

Durch Fachvorträge wie dem von Eberhard Thörel, durch Workshops und dem vielfältigen Informationsangebot auf der Messe selbst soll Raum zum fachlichen Austausch geboten werden. Veranstaltet wird die ConSozial vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Sozialministerin Kerstin Schreyer liegt das diesjährige Thema besonders am Herzen: „Wir werden – und das ist mir als Sozialministerin ganz besonders wichtig – den Menschen in den Mittelpunkt stellen und die positiven Aspekte der Digitalisierung zu nutzen wissen“.

Schlechtreden sollte man die digitale Technik aber keinesfalls. Vielmehr sind der richtige Umgang und das kritische Prüfen wichtig. Fach- und Führungskräfte in der Sozialwirtschaft sollten sich eingehend mit dem Thema auseinandersetzen, damit digitale Innovationen nicht ihren ursprünglichen Zweck verfehlen – den Menschen in sämtlichen Lebensbereichen zu unterstützen.

Der digitale Wandel muss gemeinsam gestaltet und digitale Kompetenzen müssen entwickelt werden, so dass jeder von der Digitalisierung profitieren kann. Es ist eine der großen Zukunftsaufgaben der Sozialbranche.

Autorinnen: Michaela Zimmermann und Katja Spangler

 

Die ConSozial ist die KongressMesse für Fach- und Führungskräfte des Sozialmarktes im deutschsprachigen Raum. Am 7. und 8. November 2018 informieren sich mehr als 6.000 Fachbesucherinnen und Fachbesucher im Messezentrum Nürnberg über die neusten Entwicklungen und Trends der Sozialwirtschaft. Parallel findet der KITA-Kongress statt, der sich an Fach- und Führungskräfte von Kitas wendet. Die ConSozial wird vom Bayerischen Sozialministerium veranstaltet. Partner sind die Rummelsberger Diakonie, die Caritas Bayern und die NürnbergMesse.

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