Kunst zum Anfassen

Messebauspezialist Holtmann inszeniert das „Kabinett der Abstrakten“ /// von 

Claus Holtmann Claus Holtmann erläutert die neue Rekonstruktion des "Kabinett der Abstrakten". Foto: Holtmann

El Lissitzky war Maler, Grafiker, Kinderbuchillustrator, Architekt, Bühnenbildner, Szenograf, Fotograf, Typograf, Autor und Visionär. Ein kreatives Multitalent, das mit seiner Verknüpfung von Kunst und Architektur abstrakte Gemälde seiner Zeitgenossen wie Picasso und Co. völlig neu inszenierte und dem Betrachter in einer bis dahin unbekannten Weise zugänglich machte. In seinem 1926 für das damalige Provinzial-Museum in Hannover geschaffenen „Kabinett der Abstrakten“ lassen sich einzelne Elemente verschieben, Gemälde neu zueinander in Bezug setzen und immer wieder neue Blickwinkel kreieren. Ein Mitmach-Museum der besonderen Art, das moderne Kunst in Szene setzt, mit optischen Illusionen spielt und Kunsthistoriker noch heute beschäftigt.

Kabinett der Abstrakte

Die erste Rekonstruktion des Kabinetts aus dem Jahr 1968. Foto: Sprengel Museum Hannover, Herling/Herling/Werner

Das Original des „Kabinett der Abstrakten“ wurde 1937 von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ zerstört. Im Jahr 1968 wurde es nach einer ersten, jedoch nur ungefähren Rekonstruktion im heutigen Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover wieder aufgebaut und 1979 ins neu entstandene Sprengel-Museum verlegt. Knapp 50 Jahre Kunst-zum-Anfassen hinterließ Spuren: Schiebewände klemmten, Drehmechanismen versagten – es wurde Zeit für eine Generalüberholung. Statt einer Sanierung wurde jedoch eine zweite, noch näher am Original von 1926 liegende Rekonstruktion in Angriff genommen. An dieser war maßgeblich der Messebauspezialist Holtmann Messe+Event beteiligt, eine Beteiligungsgesellschaft der NürnbergMesse. Die international agierende Holtmann-Tochter Expomondo übernahm dabei im Sommer 2016 die sechsmonatigen Planungs- und Konstruktionsmaßnahmen.

Kunstwissenschaftliche Expertise und handwerkliches Knowhow

Kabinett der Abstrakte

El Lissitzkys Entwurf zum „Kabinett der Abstrakten“. Foto: Sprengel Museum Hannover, Herling/Herling/Werner

Mit viel Liebe zum Detail wurde der Entdeckungsraum für Kunstliebhaber in Zusammenarbeit mit der Kuratorin des Sprengel-Museums, Dr. Isabel Schulz, anhand von Zeichnungen des russischen Avantgardisten rekonstruiert: Vom original 20er-Jahre-Laminatboden über die charakteristischen schwarzweißen Lamellenwände mit den verschiebbaren Kassetten bis zur genauen Wandfarbenpigmentierung wurde das ursprüngliche Kabinett mit seinen architektonischen Besonderheiten nachgebildet. „Das Zusammenkommen von kunstwissenschaftlicher Expertise und technisch-handwerklichem Knowhow, verbunden mit einem großen Gespür der Ausführenden für den historischen Gegenstand, erwies sich als äußerst fruchtbar“, resümiert Schulz die gute Zusammenarbeit mit Holtmann. Der rekonstruierte Raum stehe nicht nur für eine bedeutsame Etappe der hannoverschen Museumsgeschichte, sondern gelte als ein Hauptwerk des russischen Künstlers und Meilenstein in der Entwicklung der internationalen Ausstellungsarchitektur, so Schulz.

Dem Original noch näher

Kabinett der Abstrakte

Holtmanns Rekonstruktion orientiert sich an Lissitzkys Original von 1926. Foto: Sprengel Museum Hannover, Herling/Herling/Werner

Verschiedenste klassische Gewerke waren an der Rekonstruktion beteiligt: Maler, Tischler, Schreiner, Metallhandwerker und Glaser folgten den Aufzeichnungen zu den Materialien und Arbeitstechniken der 20er-Jahre. Im Gegensatz zur ersten Rekonstruktion, die sich vor allem an überlieferten Schwarzweiß-Fotografien orientierte, hat die neue Version mit einem roten Band, das die Blicke der Besucher durch den Raum lenkt, nun ein deutlich anderes Farbkonzept und kommt so den Entwürfen Lissitzkys noch näher. Es zeigt eindrucksvoll, dass Holtmann neben Messebau auch anspruchsvolle künstlerische Museumsinszenierung kann. „Die Zusammenarbeit mit dem Sprengel-Museum war in zweifacher Hinsicht etwas Besonderes für uns: Zum einen wollten wir natürlich etwas für die Stadt Hannover tun, in der unser Unternehmen nun schon seit fast 70 Jahren beheimatet ist. Zum anderen war uns das Projekt eine Herzensangelegenheit, da Lissitzky, wenn er heute noch leben würde, als Szenograph unser Kunde hätte sein können und wir als Gestalter im Raum viele Parallelen haben“, erklärt Claus Holtmann, geschäftsführender Gesellschafter der Holtmann GmbH + Co. KG.

Auch virtuell erlebbar

Dank der Virtual-Reality-Technik, in der Holtmann über ausgewiesene Expertise verfügt, ist der Ausstellungsraum nicht nur im Sprengel Museum in Hannover zu besichtigen. Mit einer entsprechenden VR-Brille kann man den Raum auch virtuell erleben – und das gleich in doppelter Ausführung: der Nachbau aus den 60ern und die aktuelle Version von Holtmann lassen sich damit direkt  vergleichen. In der realen und der virtuellen Welt – Holtmann hat Lissitzkys Mitmach-Raum, der Kunstliebhaber und Besucher zum Erkunden aktiviert, neues Leben eingehaucht. Das wäre sicherlich ganz im Sinne des Künstlers gewesen.

Weitere Informationen zur Rekonstruktion des „Kabinett der Abstrakten“ und einen Blick hinter die Kulissen gibt es im Video.

 

 

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