Urknall aus dem Küchenschrank

Mit herkömmlichen Haushaltsmitteln erschafft Roman De Giuli Bilder wie aus einer fernen Galaxie.  /// von 

terracollage Foto: terracollage.com

Bei der Entstehung der Erde führt Roman De Giuli Regie: Nacheinander gießt der Künstler Flüssigkeiten in eine Petrischale. Was dann in dem Glasgefäß passiert, ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Eine hochauflösende 4K-Kamera mit stark vergrößerndem Makro-Objektiv überträgt das Geschehen auf einen Großbildschirm. Die Zuschauer, die Besucher der POWTECH, werden Zeugen eines hollywoodreifen Sci-Fi-Märchens: Glühende Lava ergießt sich über dunklem Gestein, azurblaue Wellen brechen in einer weißen Gischt, Kometen stürzen auf Planeten und bringen sie zur Explosion. Der Filmemacher, Fotograf und Dozent für Media Produktion an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erklärt im Interview, was es mit seiner Kunst auf sich hat.

Live Show

Live Show, Foto: terracollage.com

Herr De Giuli, wie kamen Sie zu dieser Kunstform?
Als Fotograf habe ich mich viel mit der Makrofotografie beschäftigt, stark vergrößernde Aufnahmen von kleinsten Objekten. Mein Hauptinteresse galt dabei Oberflächenstrukturen wie von Metall, Rost oder Flüssigkeiten. Als es dann die ersten digitalen Spiegelreflexkameras gab, die auch hochauflösend filmen konnten, hat die „Macro Cinematography“ die Fotografie als mein Hobby abgelöst.
Wo finden Sie die Inspiration für Ihre Filme?
Es gibt einen sehr kleinen, internationalen Kreis von Künstlern, der sich mit der Macro Cinematography beschäftigt. Da sind zum Beispiel der Österreicher Clemens Wirth, Thomas Blanchard aus Frankreich oder die Berliner Videokünstlerin Susie Sie.

[caption id="attachment_2625" align="alignright" width="385"]Roman De Giuli bei der Arbeit Roman De Giuli bei der Arbeit, Foto: terracollage.com[/caption]

Alle haben mit ihren Arbeiten Maßstäbe gesetzt. Es entstehen immer wieder Kontakte und man tauscht sich aus. Die größte Inspiration ist für mich aber die Natur selber mit ihren unzähligen Kunstformen und Bewegungsphänomenen.

Welche Flüssigkeiten verwenden Sie für die Aufnahmen?
Ich verwende ganz normale Haushaltsmittel: verschiedene Öle, wie Speise- und Motoröle, Spülmittel, Wasser, Milch, Alkohol und Glycerin. Und natürlich Farben wie Acryl- und Lederfarbe. Aus Kaffeesahne und Wasserstoffperoxid entstehen übrigens ganz tolle Wolken. Und aus Tinte, die ich auf einer Glaskugel von unten beleuchtet habe, bestehen die Lavaströme in meinem neuen Film „Singularity“.

Wie entstehen diese beeindruckenden Farben?
Ich bin ja kein Chemiker, also probiere ich verschiedene Kombinationen aus. Bis zur perfekten Mischung mache ich hunderte Probeaufnahmen, in Excel-Listen und Tonaufnahmen dokumentiere ich meine Versuche. Dabei habe ich gelernt, dass sich selbst verschiedene Sorten von Rapsöl unterschiedlich verhalten und auch die Temperatur ist ausschlaggebend, wie sich eine Flüssigkeit bewegt.
Und was braucht es für einen guten Film?

[caption id="attachment_2626" align="alignright" width="385"]Roman De Giuli bei der Arbeit Roman De Giuli bei der Arbeit, Foto: terracollage.com[/caption]

Für einen Film suche ich nach Bildern mit Erzählpotenzial. Ausgangspunkt ist oft eine gute Szene, die eine Geschichte erzählt. Dazu passend, produziere ich dann Bilder, die die Story fortführen. Das ist oft eine reine Geduldsfrage – Farben kann man ja nicht lenken wie Schauspieler. Am Ende soll die Aufnahme auch technisch perfekt sein: Wenn die Schärfe nicht richtig sitzt oder Staub in der Flüssigkeit die Illusion stört, heißt es: alles nochmal. Auch den Ton mische ich selbst, das dauert oft länger als die eigentlichen Filmaufnahmen.
Was fasziniert Sie an der Macro Cinematography?
Mein Anspruch ist es, eine Geschichte ausschließlich mit Makroaufnahmen zu erzählen – ohne Computereffekte! Der Reiz besteht auch in den enormen Größenunterschieden. Wenn ich bei einer Vorführung an einer münzgroßen Petrischale sitze und das Bild mehrere Meter groß auf eine Leinwand projiziert wird, können die Zuschauer die Verbindung zwischen meiner Arbeit und dem, was sie sehen, oft gar nicht herstellen.

[caption id="attachment_2621" align="alignleft" width="385"]Singularity Singularity, Foto: terracollage.com[/caption]

Wo kann man Ihre Filme sehen?

Meine Filme stelle ich auf meiner Internetseite TERRACOLLAGE.com online und auf dem Video-Portal Vimeo. Auch Live-Auftritte mache ich wie bei der POWTECH 2016, bei der „Langen Nacht der Wissenschaften“ oder als visuelle Begleitung von Musikbands. Außerdem erhalte ich immer wieder Anfragen von Agenturen, die meine hochauflösenden Videos auf Events oder für Produktpräsentationen zum Beispiel von TV-Geräten verwenden.
Herr De Giuli, vielen Dank für das Gespräch!

Singularity

Singularity, Foto: terracollage.com

 

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