„Bio wirkt!“ … maßgeblich für den Erhalt der Biodiversität

Der Kongress-Schwerpunkt der BIOFACH 2020 beschäftigt sich unter der Überschrift „Bio wirkt!“ mit der positiven Wirkung einer ökologischen Wirtschaftsweise. Das dritte Gespräch der BIOFACH-Interviewserie – dieses Mal mit Dr. Vandana Shiva – beschäftigt sich mit den positiven Effekten von Bio für den Erhalt der Biodiversität.  /// von 

Fotorecht: istockphoto.com/sanjeri

Biodiversität ist die Grundlage des Lebens. Das ist die Wahrheit und das entschiedene Bekenntnis von Dr. Vandana Shiva. Sie ist eine weltweit anerkannte Umweltvordenkerin, Bio-Aktivistin, Feministin, Physikerin, Philosophin, Schriftstellerin und Wissenschaftspolitikerin. In zahlreichen Büchern sowie in unzähligen Dokumentationen und Vorträgen während ihrer unzähligen Reisen rund um die Welt, engagiert sich Dr. Vandana Shiva für den Erhalt der Biodiversität, der Saatgutsouveränität und der Ernährungssicherheit durch Ökologie und biologischen Landbau. Sie erhielt unter anderem den Right Livelihood Award (Alternativer Nobelpreis). In ihrem aktuellen Buch „Eine andere Welt ist möglich“ skizziert sie die Vision einer pestizidfreien Welt bis 2030. Dr. Shiva ist überzeugt: „Die Weltdemokratie beginnt mit der Ernährungsdemokratie!“

„Die Weltdemokratie beginnt mit der Ernährungsdemokratie!“

Dr. Shiva, Sie sind eine unermüdliche Verfechterin der Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt und des traditionellen Wissens in der Landwirtschaft und der Ernährungssicherheit. In einem ihrer kürzlich veröffentlichten Tweets heißt es: „Die Maximierung der biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft erhöht die Klimaresilienz, die Ernährungssouveränität und die Wasserversorgung. Können Sie uns bitte erklären, welche Rolle die biologische Vielfalt und die ökologische Arbeit der Kleinbauern für das Gleichgewicht des Planeten spielen, warum müssen wir so dringend die Biodiversität erhalten?

Die Biodiversität ist die Grundlage des Lebens. Chemikalien, die aus fossilen Quellen stammen und für Kriege und zur Tötung von Menschen verwendet wurden, sind später als Agrochemikalien, Pestizide, Düngemittel und Herbizide weiterverwendet worden. Die chemische Intensivierung der Landwirtschaft ist für den Klimawandel und das Artensterben – Insekten, Vögel, Fische, Pflanzen – verantwortlich. Rachel Carson hatte uns schon vor mehr als einem halben Jahrhundert vor den Gefahren von Pestiziden gewarnt. Und Albert Howard hat uns in seinem landwirtschaftlichen Testament vor den Schäden durch synthetische Düngemittel gewarnt und die Notwendigkeit der Umstellung auf den ökologischen Landbau betont. Der Einsatz von Chemikalien hat Monokulturen gefördert sowie die Illusion, dass Monokulturen den „Ertrag“ erhöhen, und die höheren Erträge einiger weniger Rohstoffe notwendig sind, um die Welt zu ernähren. Das ist falsch, wie ich in meinem Buch „The Violence of the Green Revolution“ gezeigt habe. Wie wir in „Health per Acre“ bewiesen haben, ist das wahre Maß der Lebensmittelproduktion die „Ernährung pro Hektar“ und nicht der „Ertrag pro Hektar“. Mit der Intensivierung der Biodiversität anstelle der chemischen Intensivierung erhöhen wir die Ernährung pro Hektar und können mehr Menschen mit gesunder Ernährung versorgen. Die Biodiversität sorgt zudem für die Bodenfruchtbarkeit und bekämpft Schädlinge und Unkräuter.

Sie haben Navdanya – das bedeutet „Neun Samen“ oder „Neues Geschenk“ – in den 90er Jahren gegründet und 140 Saatgutbanken in ganz Indien wurden von Ihrer Stiftung Research Foundation for Science, Technology and Ecology (RFSTE) aufgebaut. Was war die Hauptmotivation für diese Maßnahmen im Hinblick auf die biologische Vielfalt?

Ich fing an Saatgut zu retten, als die chemische Industrie 1987 auf einer Sitzung über „Laws of Life“ zu den neuen Bio-Technologien erklärte, dass sie GVO (Gentechnik) einführen würde, um Saatgut zu patentieren und man an einem globalen System für geistiges Eigentum arbeite, um Patente auf Saatgut weltweit verbindlich zu machen. Ein Patent bedeutet, dass jeder andere, der das, was patentiert ist, benutzt, illegal handelt. Mit anderen Worten: Landwirte, die das Saatgut gezüchtet haben das uns ernährt, werden für die Erhaltung von Saatgut kriminalisiert.

Engagiert sich für Biodiversität: Dr. Vandana Shiva. Fotorecht: Dr. Vandana Shiva

Mit Navdanya haben wir 140 gemeinschaftliche Saatgutbanken geschaffen, damit die Biodiversität von Saatgut und die unabhängige Weiterentwicklung geschützt werden, sowie die Rechte der Landwirte auf Erhaltung und freien Austausch ihres Saatguts verteidigt werden können. Ich habe an den indischen Gesetzen mitgewirkt, die die Integrität von Saatgut und die Rechte der Landwirte schützen. Artikel 3j unseres Patentgesetzes besagt, dass Pflanzen, Tiere und Samen keine menschlichen Erfindungen und daher nicht patentierbar sind. Artikel 39 unseres Gesetzes über den Schutz von Pflanzensorten und die Rechte der Landwirte, an dessen Ausarbeitung ich mitgewirkt habe, besagt, dass das Recht der Landwirte, Saatgut zu konservieren, auszutauschen, zu verbessern und zu verkaufen, niemals entzogen werden darf. Dieses Gesetz wurde verwendet um Pepsi zu zwingen, sein Verfahren gegen vier Landwirte zurückzuziehen und sie auf je 10 Millionen Rupien für die Erhaltung von Kartoffelsorten zu verklagen.

Bio wirkt – auf vielen Ebenen. Wie trägt der biologische Landbau zum Schutz und zur Förderung der biologischen Vielfalt bei? Wie schätzen Sie den heutigen Einfluss und das Zukunftspotenzial ein?

Der biologische Landbau arbeitet daran, mehr Bio-Lebensmittel zu produzieren und gleichzeitig die Biodiversität zu erhalten und zu erweitern. Bei Navdanya haben wir den biologischen Landbau immer auf der Grundlage der Biodiversität gefördert, was die Nährstoffversorgung des Bodens und die Ernährungssicherheit der Menschen erhöht. Die biodiversitätsintensive Landwirtschaft hat die Vielfalt der Böden sowie die Artenvielfalt der Insekten und Bestäuber gesteigert – was ebenfalls äußerst wichtig ist.

Was ist am dringendsten, um die dramatischen Auswirkungen des Artensterbens zu stoppen?

Wir können damit beginnen, das Artensterben zu stoppen, indem wir Biodiversität anbauen und Vielfalt essen, indem wir unsere Häuser, Gemeinden und Regionen giftfrei machen.

An wen würden Sie sich zuerst wenden und was sind Ihre Hauptforderungen?

Meine Hauptforderung ist eine giftfreie Welt, die die Biodiversität der Arten, die Gesundheit unserer Bauern und die aller Menschen schützt. Sie breitet sich von den lokalen Erzeugern in die ganze Welt aus. Wir müssen die Vorstellung von der Ernährung der Welt ändern und erkennen, dass die biologische Vielfalt uns ernährt. Wir müssen eine lokale, zirkuläre, artenreiche Ernährungswirtschaft schaffen, um den Planeten, unsere Lebensgrundlagen und unsere Gesundheit zu schützen und die Demokratie zu stärken. Die Weltdemokratie beginnt mit der Ernährungsdemokratie!

Das vollständige Interview lesen Sie im Newsroom der BIOFACH.

Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 der Interviewserie.

Das Interview führte Karin Heinze, BiO Reporter International

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