Die Exakten

Werkstatt für behinderte Menschen: 0-Prozent-Fehlerquote in der Auftragsfertigung  /// von 

Exakte Arbeit: Aksana Kromm von der Werkstatt der Baunataler Diakonie; Foto: Geofrey Glaser

Tim Cook muss es wissen. Der Vorstandsvorsitzende von Apple hat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Leistungen deutscher Unternehmen gelobt. „Das liegt an ihrem handwerklichen Können, der Präzision dessen, was sie tun.“ Wir haben uns auf die Suche nach einem solchen Unternehmen gemacht und sind fündig geworden – bei der bdks in Baunatal bei Kassel, einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM).

Mit ihrem eigenen Fuhrpark bringt die bdks die Ware just in time ins Werk; Foto: Geoffrey Glaser

Der Lack der Sattelschlepper glänzt in der Spätsommersonne, akkurat aufgestellt stehen die 26-Tonner nebeneinander. „bdks Baunatal“ steht vorne darauf. WfbM-Laster im XXL-Format? Und überhaupt: Wozu braucht eine Diakonie-Werkstatt einen eigenen Fuhrpark? Oliver Pick gibt die Antwort: weil seine Werkstatt alles das bietet, was der Kunde braucht. „Und dazu zählen bei uns eben auch Lagerhaltung und Logistik“, sagt der Werkstattleiter. Lieferung Just in sequence und Just in time? Alltag für die bdks! 

Passgenau geliefert

Exakte Ware: auf die Präzision kommt es an; Foto: Geoffrey Glaser

Die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in Nordhessen arbeitet etwa im Auftrag von B. Braun Melsungen, einer der weltweit führenden Hersteller von Medizintechnik- und Pharma-Produkten und für die AKG Gruppe, die Hochleistungswärmeaustauscher sowie  Kühlsysteme herstellt. Bis zu 44 Millionen Positionen werden hier pro Jahr und Kunde bearbeitet. Für B. Braun Melsungen sind es Kabel für Dialysegeräte, die hier konfektioniert werden. „Wir liefern die gewünschten Chargen passgenau und just in time ins Werk“, sagt Pick.

Dafür hat die bdks eine komplette Herstellungs-, Lagerungs- und Lieferkette aufgebaut. Beispiel Autokühler. Aksana Kromm packt passende Schellen in kleinen Tütchen ab und legt sie in eine Plastikkiste. Die vollen Kisten bringt Daniel Bohle mit dem Gabelstapler ins Hochregallager, von wo aus sie später von Kollegen zum jeweiligen Auftraggeber gefahren werden.

Made in Germany

Verpackt, verladen, verräumt: Daniel Bohle im Gabelstapler weiß, wo es lang geht im Hochregallager; Foto: Geoffrey Glaser

Ja, auch das gehört zu den Leistungen einer Werkstatt, dass sie Menschen mit Behinderungen, die sich dafür eignen, den Weg zum Führerschein ermöglicht, sagt Pick. So ist ein Werkstattbeschäftigter mit dem LKW in Hessen und Nordrhein-Westfalen unterwegs. Eine speziell entwickelte Navigations-Software sorgt dafür, dass er stets die Assistenz erhält, die er im Fall der Fälle benötigt. „Maßgeschneiderte Lösungen“, heißt das Zauberwort, sagt Pick. Dass man damit erfolgreich ist, so erfolgreich, dass es selbst den höchsten Ansprüchen eines Medizintechnik-Weltmarktführers wie B. Braun Melsungen genügt, macht die Werkstattmitarbeiter stolz. „Die Fehlerquote bei uns beträgt 0 %“, sagt Pick, „das heißt, wir machen alles richtig!“ Moderne Technische Ausstattung, fachliches Know-how und garantiert „made in Germany“ – Tim Cook hätte seine Freude!

 

Die Tomate kommt zum Ingenieur

Neben unternehmerischen, und somit pragmatischen, weil erfolgsbezogenen Lösungen, ermöglichen Werkstätten oft auch die Geschichten am Rande, welche Unternehmen gut zu Gesicht stehen. Wie die Versorgung der Mitarbeiter mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Klostergarten am Stand in der Mittagspause – aus der Hand von Menschen mit Behinderung.

Die Idee dazu hatte Professor Dr. h.c. Ludwig Georg Braun selbst. 1,8 Millionen Euro hat sein Unternehmen dafür investiert und dank der Kooperation mit der bdks bearbeiten die Werkstattbeschäftigten auf dem Klostergelände Altmorschen 25.000 Quadratmeter Garten und Gewächshäuser. Das Obst und Gemüse kommt auch auf den Tisch des Hotel Kloster Haydau und in den eigenen Hofladen. Vielleicht sind das die Ideen, von denen Tim Cook sagte, sie könnten nur aus Deutschland kommen und darauf könnte man richtig stolz sein.  So wie es die Werkstattbeschäftigten sind, wenn ihre Tomatentüten für je 4 Euro vor der B. Braun Melsungen-Zentrale mal wieder weggehen wie – ja, wie Tomatentüten aus dem Klostergarten.  

 

 

Alles richtig machen Auftraggeber, die Werkstätten mit Dienstleistungs- und Fertigungsaufträgen beauftragen. Neben einem perfekten Arbeitsergebnis zu wettbewerbsfähigen Preisen sparen sie auch bares Geld, indem sie nur noch die Hälfte der Schwerbehinderten-Abgabe bezahlen müssen, die obligatorisch je nach Mitarbeiterzahl im Unternehmen anfällt.

 

Die bdks gehört zu den Ausstellern der ersten Stunde der Werkstätten:Messe in Nürnberg. Die meistbesuchte Sozial- und Bildungsmesse in Deutschland ist ein Beispiel für das professionelle Dienstleistungs- und Fertigungs-Knowhow von Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Deren gesamte Angebotsvielfalt ist auf Werkstätten:Messe erlebbar. Hier zeigen Werkstätten gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Wirtschaft, wie Arbeitsprozesse gestaltet werden können, damit Inklusion möglich ist. Die Messe richtet sich an Facheinkäufer aus Industrie und Dienstleistungsbranche sowie an die Werkstätten (Mitarbeiter und Beschäftigte) selbst. Die nächste Werkstätten:Messe findet vom 18. bis 21. April 2018 im Messezentrum Nürnberg statt.

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