Hinter Gittern

von 

Ein bisschen Freiheit: Im Spazierhof der JVA Lenzburg; Foto: NürnbergMesse

Schweiz, Justizvollzugsanstalt Lenzburg, Anfang Oktober. Der Himmel über dem Züricher Umland ist wolkenverhangen. Er unterstreicht dieses leicht beklemmende Gefühl, das einen überkommt, wenn man vor der massiven, übermanngroßen Eingangspforte eines Hochsicherheitsgefängnisses steht. Insbesondere mit dem Wissen, dass man da jetzt gleich rein muss.

Oder vielmehr rein DARF! Denn die Führung durch eine der modernsten Justizvollzugsanstalten Europas ist schon etwas Besonderes. Eine kleine Gruppe Journalisten, Partner der NürnbergMesse sowie Mitarbeiter hatten im Vorfeld der Fachmesse Perimeter Protection (16. bis 18. Januar 2018) Glück: Wir erlebten eine Fachpresse-Exkursion der besonderen Art.

Sicher ist sicher: Das imposante Eingangstor der JVA Lenzburg; Foto: NürnbergMesse

Nach einem Sicherheitscheck – um den Iris-Scan kamen wir herum – betraten wir, fast alle zum ersten Mal im Leben, eine Gefängnisanlage. Einmal drin, sieht die Männerabteilung der JVA Lenzburg aber gar nicht so abschreckend aus: historische Architektur aus dem 19. Jahrhundert und ein großzügiger, schön bepflanzter Spazierhof mit Tischtennisplatten und Bänken, um sich als Häftling beim Hofgang die Zeit zu vertreiben. Dazu ein Blick über die Gefängnismauern ins idyllische Hügelpanorama des Umlands. Es könnte schlechter sein.

 

Eine Filmkulisse, die keine ist: Die harte Realität

Wie ein Filmset, aber harte Realität: Das Innere der JVA; Foto: NürnbergMesse

Auch das Innere der historischen Strafanstalt mutet eher wie ein Filmset als wie ein echtes Gefängnis für schwere Jungs an. Doch genau das ist es! Und wenn man den Häftlingen aus aller Herren Länder – Räubern, Vergewaltigern, Mördern – dann persönlich begegnet, fühlt sich das schon etwas beängstigend an.

Dennoch: Trotz teilweise unsäglicher Straftaten werden sie in der JVA Lenzburg wie Menschen, nicht wie Tiere behandelt. Auch wenn die Zellengröße gerade einmal 7,6 Quadratmeter misst und man nach Schweizer Tierschutzgesetz als Privatperson in diesem Raum nicht einmal einen Schäferhund halten dürfte. Ein respektvoller Umgang zwischen Insassen, Wärtern und der Direktion ist ein festgeschriebener Grundsatz, der sich auch überall auf den Wänden in Form gedruckter Botschaften wiederfindet. In ihren Zellen haben die Männer Bett, Spind, Waschbecken und eine Toilette. Fernseher oder eine Kochplatte kosten Mietgebühren, die von den Häftlingen selbst bezahlt werden müssen. Doch wie kommt man im Gefängnis an Geld?

7,6 qm Privatsphäre: Einfaches Leben in der Zelle; Foto: NürnbergMesse

In der Schweiz besteht Arbeitspflicht, und so geht jeder Häftling einer geregelten Tätigkeit nach: Schmiedearbeiten oder Kochen sind klassische Aufgaben. Selbst die brandgefährlichen Insassen im Hochsicherheitstrakt, die 24 Stunden kameraüberwacht werden, wechseln tagsüber aus ihren kalten, massiv gemauerten Steinzellen in die ebenso ungemütlichen Arbeitszellen, um dort Briefe zu etikettieren oder für den Einzelhandel Haaraccessoires mit Aufhängern zu versehen – natürlich ganz ohne Schere und Tacker, um das Sicherheitsrisiko zu minimieren. Und immer von drei JVA-Wärtern gesichert.

 

Du kommst hier nicht raus! Und es kommt auch nichts rein!

Alles im Blick: Die Sicherheitszentrale der JVA Lenzburg; Foto: NürnbergMesse

Fluchtversuche gab es in der Geschichte der Strafanstalt vereinzelt, doch die JVA Lenzburg gehört trotz historischen Gebäuden in Hinblick auf die verbaute Sicherheitstechnik zu den modernsten Justizvollzugsanstalten Europas. Das schreckt ab! So herrscht im gesamten Gefängnis Mobilfunkverbot. Und wenn doch einmal ein Device versehentlich (oder absichtlich) mit hineingenommen wird, dann reagieren Detektoren umgehend und melden den ungebetenen „Gast“ der Sicherheitszentrale. Der diensthabende Mitarbeiter weiß dann, wo sich der verbotene Gegenstand befindet und kann reagieren.

Hier kommt nichts rein und raus: Drohnendetektionsanlage; Foto: NürnbergMesse

Auch das brandaktuelle Thema Drohnenabwehr und Überwurfschutz wird in der JVA Lenzburg großgeschrieben. Eine kürzlich nachgerüstete Drohnendetektionsanlage reagiert sofort, wenn unbemannte Luftfahrzeuge versuchen, Drogen, Ausbruchswerkzeug oder ähnliches einzuschleusen bzw. Dinge aus der JVA hinaus zu schmuggeln. Auch andere Gegenstände ab der Größe eines Tennisballes werden detektiert. Hier gibt es wahrlich keinen Anreiz, gegen die strengen Gefängnisregeln zu verstoßen.

 

Was am Ende bleibt …

Der Durchschnittsinsasse der Strafanstalt Lenzburg ist männlich, etwa 27 Jahre alt, verbüßt eine mehrjährige Haftstrafe und ist meist … Familienvater. Diese Statistik regte uns zum Sinnieren an: über kriminelle Biografien einerseits. Vor allem aber ließ sie uns über eine Sache nachdenken: ein Leben in Freiheit, und dass wir das unter keinen Umständen aufgeben möchten.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*