Not in my backyard!

Warum Prof. Arlt keine Stromtrasse hinter seinem Haus möchte, sie aber für wichtig hält. /// von 

iSEneC 2016 iSEneC 2016, Foto: NürnbergMesse

Beim Thema Stromtrasse ist er ein „Durchschnitts-Deutscher“, gibt Prof. Wolfgang Arlt, wissenschaftlicher Vorsitzender des Energie Campus Nürnberg (EnCN), zu. Wie ein Großteil der Bevölkerung stört auch er sich am Anblick der Stahlkolosse, auf Strom möchte er dennoch nicht verzichten. „Not in my backyard“ nennen die Amerikaner dieses Paradox, wenn Menschen von öffentlichen Einrichtungen wie Flughafen, Autobahn und Stromversorgung profitieren, sie aber nicht in ihrer Nähe – ihrem „backyard“ – haben möchten.

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Arlt

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Arlt, Vorsitzender der Wissenschaftlichen Leitung beim iSEneC-Partner ENERGIE CAMPUS NUeRNBERG (EnCN) und Praesident der Konferenz, Foto: NürnbergMesse

Der Wissenschaftler Arlt weiß, dass eine bessere Vernetzung für den Transport von Energie grundlegend ist für die erfolgreiche Energiewende in Deutschland. Als Leiter des Lehrstuhls für thermische Verfahrenstechnik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ist er maßgeblich beteiligt an iSEneC. Der Kongress, der im Messezentrum Nürnberg Premiere feierte, ist hinsichtlich seiner Konzeption ein Novum in Deutschland: Als einzige Veranstaltung bringt sie alle Themenfelder der Versorgung mit erneuerbaren Energien an einem Ort zusammen – von der Erzeugung, über die Speicherung und den Transport.

Das Herz der Energieforschung schlägt in Nürnberg

Mit dem gleichen Ansatz hatte Arlt vor fünf Jahren den neuen Studiengang begründet, der sich mit allen Themenfeldern entlang der Energiekette beschäftigt und die verschiedenen Einzeldisziplinen verbindet. iSEneC sei daher längst überfällig gewesen, so Arlt. Schließlich beschäftigten sich in der Region rund 5.500 Studierende an verschiedenen Hochschulen, über 14.000 Betriebe sowie Forschungseinrichtungen mit dem Thema erneuerbare Energien – „das Herz der Energieforschung schlägt in Nürnberg,“ bringt es Jan Gerrit Ebener, Mitglied der Geschäftsleitung der NürnbergMesse, auf den Punkt.

Während es für die einzelnen Fachgebiete jede Menge Kongresse und Foren gibt, die sich um jedes technische Detail kümmern, liegt die Stärke der iSEneC im Dialog zwischen den Branchen, der Wissenschaft und der Industrie. So sollen Lösungen gefunden werden, die auch anwendbar sind.

Der Bürger sorgt sich nicht darum, wie der Strom aus der Steckdose kommt, sondern dass er verlässlich und bezahlbar versorgt wird.

Der Bürger sorgt sich nicht darum, wie der Strom aus der Steckdose kommt, sondern dass er verlässlich und bezahlbar versorgt wird so Arlt.

Die technisch beste Lösung ist hier nicht gefragt!

Dabei betont der Erlanger Professor auch die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Politik. „In der Wissenschaft geht es um die technisch beste Anwendung – die ist von der Gesellschaft aber gar nicht gefragt.“ In der Demokratie setze sich technisch gesehen meist die zweit- oder drittbeste Lösung durch.

Weil die Erfolgschancen eines Verfahrens steigen, wenn es im „Schoß der Gesellschaft“ entsteht, geht das

iSEneC 2016

iSEneC 2016, Foto: NürnbergMesse

Konzept der iSEneC über die Grenzen von Branchen und Institutionen hinaus. So nahm mit dem Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, auch ein Mann der Kirche am Kongress teil. Hanke warnte das Publikum aus Forschung und Industrie davor, sich nicht allein auf technische Entwicklungen zu verlassen. Der Mensch müsse zuallererst seine Lebensweise überdenken. Wie das geht hatte Hanke als Abt in Plankstetten vorgemacht: Er stellte den Klosterbetrieb komplett auf regenerative Energie um, sodass sich das Kloster heute autark mit Energie versorgt. Mit der eigenen Energieversorgung über eine Hackschnitzel-Heizanlage und Sonnenkollektoren ist das Kloster ein typisches Beispiel für den Strukturwandel, den die Energiewende vorantreibt. Statt einer Handvoll Großkraftwerke, könnte die Stromversorgung der Zukunft auch von vielen kleinen, dezentralen Kraftwerken übernommen werden. Voraussetzung: Die Integration der erneuerbaren Energien in das System kommt voran.

Strom per Schiff

iSEneC 2016

iSEneC 2016, Foto: NürnbergMesse

Ob es dafür Stromautobahnen von Nord nach Süd und Ost nach West braucht, lässt Professor Arlt dahingestellt. Persönlich hat er dem Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer bereits eine Alternative vorgeschlagen: Die Region Nürnberg könnte auch per Schiff mit Energie versorgt werden. Möglich wäre dies mit einem Verfahren, welches das Erlanger Unternehmen Hydrogenious vorgestellt hat: Energie wird dabei in Wasserstoff gebunden und kann so in Tanks gespeichert und transportiert werden.

Welche Ideen die rund 400 Forscher aus Wissenschaft und Industrie aus Nürnberg mitnehmen und weiterentwickeln werden, wird sich bei der nächsten iSEneC in zwei Jahren zeigen. Und vielleicht ist bis dahin auch die Stromtrasse durch Prof. Arlts Garten vom Tisch.

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