Bio zwischen Ernährungs-Politik, regionalen Wertschöpfungsketten und Esskultur

Parallel zur Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel, BIOFACH, trafen sich Mitte Februar 2018 in Nürnberg kommunale Entscheider, um Bio in Europas Städten weiter voran zu bringen. Erkenntnis unter anderem: Essen ist „keine Privatsache“, hat aber auch viel mit Kultur zu tun. /// von 

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Was haben Paris, Mailand, Wien und Nürnberg gemeinsam? Sie alle sind aktiv im europäischen Bio-Städte-Netzwerk. In der französischen Metropole haben sie im Januar gemeinsam mit weiteren Kommunen das „Organic Cities Network“ gegründet und wollen Bio auf kommunaler Ebene international weiter voranbringen.

Eine gute Gelegenheit dies zu tun, war der jährliche internationale Bio-Branchentreff Mitte Februar 2018 in Nürnberg. Parallel zur Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel, BIOFACH, fand im Messezentrum der Kongress STADTLANDBIO statt. Dort trafen sich 247 Entscheider und Fachleute aus Politik, Verwaltung, Organisationen und Unternehmen und diskutierten praxisnah vielfältige Ansätze und Erfahrungen.

Internationales Bio-Vorbild: Paris

Zum Beispiel die Erfahrungen von Paris. Die französische Hauptstadt nutzt kommunale Handlungsspielräume für eine mögliche Ernährungswende hin zu mehr Bio. Und die Metropole an der Seine ist nicht nur Gründungsort des „Organic Cities Network“, sondern setzt aktiv nachhaltige Ernährungsstrategien um. Diese veranschaulichte Patrick Koumarianos, Projektleiter für die Pariser Ernährungspolitik, anlässlich von STADTLANDBIO 2018.

Bereits seit zehn Jahren arbeitet Paris an einer nachhaltigen Ernährung in seinen Eigenbetrieben. Von den 30 Millionen Mahlzeiten im Jahr, die in Kindergärten, Schulen, Altenheimen und Mitarbeiterkantinen ausgegeben werden, sollen bis zum Jahr 2020 die Hälfte aller Essen nachhaltig oder biologisch zertifiziert sein. Das Budget für diese öffentliche Beschaffung liegt bei 65 Millionen Euro. Zu den Zielen gehören, Zusatzkosten zu reduzieren, eine entsprechende Beschaffungsstrategie aufzubauen und die nachhaltige Ernährungs-Wertschöpfungskette vor Ort zu unterstützen. Außerdem informiert ein CO2-Simulator die Kantinenmitarbeiter, wie hoch der CO2-Abdruck eines Gerichts mit Fleisch oder Hartkäse ist.

2018 wird die Pariser Verwaltung eine Nahrungsmittel-Strategie für die ganze Großstadt implementieren. Acht Millionen Essen werden in Betriebskantinen und Restaurants täglich serviert. In einer groß angelegten Konsultation wurden Vorschläge für alle Bereiche der Erzeuger-, Verarbeiter- und Verbraucherkette erarbeitet und strukturiert. Dazu gehören auch Logistik, öffentliche Lebensmittelhilfe, Abfallverwertung, Verwaltung Erziehung und Forschung. „Wir sind stolz“, resümiert Koumarianos, „aber es ist noch viel zu tun“.

 Nürnberg macht sich stark für Bio

Nürnberg ist seit vielen Jahren aktive und auf der internationalen Bühne engagierte Bio-Stadt, unter anderem auch unter dem Dach von NÜRNBERG DIE BIOMETROPOLE, das die verschiedenen Aktivitäten der regionalen Akteure sowie der BIOFACH bündelt.

NM fair.mag Magazin Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

Für Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly hat der globale Anspruch, „die Welt zu ernähren, ohne die Welt zu zerstören“, auch eine lokale Dimension. Ernährung, der gesamte Prozess vom Säen über Verarbeitung bis zum Teller, ist heute „keine Privatsache mehr“. Der Lokalpolitiker und Mitglied des Netzwerks Bio-Städte sieht vor allem Bewusstseinsarbeit und stimulierte Nachfrage als wichtige Stellschrauben.

„Wenn man aber den gesamten Kosmos der Ernährung vermisst, ergibt sich ein neuer Ansatz in der Ernährungspolitik.“

So setzt Nürnberg beispielsweise mit einer Bio-Brotbox für Grundschüler am Geschmackserlebnis der Kinder an. In städtischen Kantinen und Schulen, bei Empfängen oder Großveranstaltungen bis hin zum international bekannten traditionellen Christkindlesmarkt soll der Anteil an Bio-Lebensmitteln kontinuierlich erhöht werden.

Agrarpolitik war früher in den Kommunen immer ein Thema für „die Anderen“. Wenn man aber den „gesamten Kosmos der Ernährung“ vermisst, ergibt sich laut Maly „ein neuer Ansatz in der Ernährungspolitik“. Neben der regionalen Wertschöpfungskette müsse in allen wachsenden Städten Europas auch eine neue Antwort zum Thema Flächenverbrauch gefunden werden. Der Kampf um den letzten Quadratmeter Fläche für Wohnen und Arbeiten konkurriert schmerzhaft mit einer stadtnahen Landwirtschaft.

Der Mensch ist, was er isst – Esskultur als kultureller Trend

Ernährung hat neben den beschriebenen ernährungspolitischen Aspekten auch eine kulturelle Dimension. Da waren sich die Teilnehmer des Kongresses sicher. Frage also: Gibt es einen kulturellen Trend zur Esskultur? Ja, meint Dr. Werner Ebert, Geschäftsführer Netzwerk Bio-Städte, der durch den Workshop „Der Mensch ist, was er isst – Esskultur als kultureller Trend“, führte:

Dialogforum während des Kongresses STADTLANDBIO 2018

Dialogforum während des Kongresses STADTLANDBIO 2018

Insgesamt steigt das Bewusstsein, dass Essen ein kulturelles Thema ist. Es lohnt sich, sich mit den kulturellen Dimensionen auseinanderzusetzen. Dabei geht es zum Beispiel nicht nur um „Veganertum“ auf der einen Seite und „Hauptsache Fleisch und billig“ auf der anderen. Oder um die Gegensätze „Fastfood“ und „Tischgemeinschaft“. Es gibt spannende Möglichkeiten dazwischen. Wenn aber zum Beispiel immer mehr immer billigere Lebensmittel aus einer industriellen Erzeugung eingekauft werden, gehen traditionelle Lebensmittelhandwerker – auch als ein kultureller Wert – verloren.“

 

Neben Politik und Kultur kam aber auch der Genuss beim Kongress nicht zu kurz. Teil des Programms von STADTLANDBIO waren erneut Rundgänge über die BIOFACH. Welche Trends die Teilnehmer dort vielleicht verkostet und genossen haben, lesen Sie zum Beispiel hier

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