Hinter den Kulissen des Nürnberger Volksfestes

Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Messen und Volksfesten und die fränkischen Antworten auf das Münchner Oktoberfest /// von  und 

Volkfest Nürnberg, Kongresshalle, Congress Center Nürnberg, Große Straße Hoch hinaus geht es manchmal beim Volksfest in Nürnberg wie hier in der nächtlichen Panoramoaufnahme. Im Hintergrund ist das Nürnberg Congress Center Ost zu sehen. Foto: Volksfest Nürnberg /Adalbert Keller

„Wir sind die Spezialisten für Organisation und Durchführung. Wir garantieren höchste Qualität und machen auch Unmögliches möglich.“ Nein, das ist nicht die Bewerbung der NürnbergMesse für eine neue Fachveranstaltung, sondern das Angebot des Süddeutschen Verbands Reisender Schausteller und Handelsleute e.V. mit Sitz Nürnberg. Wir haben uns mit Lorenz Kalb getroffen, dem 1.Vorsitzenden des Verbandes, und uns über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Messen und Volksfesten unterhalten sowie die Fränkischen Antworten auf das Münchner Oktoberfest.

 Bloß nicht stillstehen – Wie das Nürnberger Volksfest mit dem Zeitgeist geht

Gleich zwei Mal im Jahr heißt es am Messegelände im Nürnberger Süden zusammenrücken, denn die Volksfeste am Dutzendteichpark werden aufgebaut und die Schausteller-Profis gehen ans Werk. Die bewegte Geschichte des Nürnberger Volksfestes begann im Jahr 1826, als die Bürgerschaft der Stadt Nürnberg beschloss, den Geburts- und Namenstag König Ludwig I. festlich zu begehen. Geplant wurde ein dreitägiges Volksfest mit Pferderennen, Schießwettbewerben, Musikveranstaltungen, Glücksspielen und leiblichen Genüssen aller Art. Vorbild für die Veranstaltung war das im Jahre 1810 ins Leben gerufene Münchner Oktoberfest. Die meisten der nachweislichen 65 Buden, die anlässlich dieses ersten Nürnberger Volksfestes aufgebaut wurden, waren wahrscheinlich Wirtsbuden, deren Betrieb vom Magistrat an den jeweils Meistbietenden vergeben wurde. Schausteller im heutigen Sinn, wie Karussell- und Schaukelbetreiber, gab es bei diesem ersten Volksfest in Nürnberg noch nicht.

Seit 1953 findet das Volksfest zweimal im Jahr auf dem Festplatz am Dutzendteich in unmittelbarer Nachbarschaft zur NürnbergMesse statt: Im Frühjahr als Nürnberger Frühlingsfest und im Herbst als Nürnberger Herbstvolksfest. 165 Schaustellerbetriebe finden auf dem 100.000 m² großen Areal Platz. Mit bis zu zwei Millionen Besuchern sind die Nürnberger Volksfeste das zweitgrößte Volksfest Bayerns. „Wir sind das innovativste, sicherste und sauberste Volksfest in Deutschland“ verkündet stolz Lorenz Kalb, 1.Vorsitzenden des Verbands Reisender Schausteller und Handelsleute e.V. mit Sitz Nürnberg bei unserem Treffen und untermauert das auch gleich mit Fakten. „Wir sind unter den Top 5 beim Wettbewerb „Das schönste Stadtfest“ der Stiftung Lebendige Stadt. Bei 631 Bewerbungen aus dem In- und Ausland; wohlgemerkt. Heute kommen Veranstalter von überall her, um zu schauen, was wir hier so machen.“

Nach einem deutlichen Besucherrückgang, erzählt Lorenz uns, hat der Schaustellerverband eine Studie über die Gründe in Auftrag gegeben. Bei der Vergabe der Plätze gilt: Bekanntes und Bewährtes hat Vorrang. Dennoch gibt es jedes Jahr 10 % Neuzulassungen: „Man muss mit dem Zeitgeist gehen, sonst wird das nix. Für die jungen Leute haben wir Hightech-Fahrgeschäfte, Schulklassen erforschen physikalische Gesetzmäßigkeiten, eine Ausbildungsbörse informiert über Job- und Ausbildungsmöglichkeiten in der Region. Aber die Leute meiner Generation freuen sich über die traditionellen Elemente, wie den Trachtentag oder unseren „Nostalgiepark.“ Hier finden sich einige Kostbarkeiten aus alten Zeiten – von Autoskootern bis hin zum Bierkrug. Ein Highlight sind die sieben Konzertorgeln. Sie dienten früher zur musikalischen Untermalung der Karussellfahrten.

Egal ob Messe oder Volksfest – Am Ende muss die Stimmung stimmen

Auf die Frage, was eine Messe mit einem Volksfest gemeinsam hat, antwortet Lorenz Kalb: „Die Mischung muss stimmen. Wir wollen alle Generationen ansprechen, alle Nationalitäten, alle sozialen Schichten. Es geht um ein gutes Miteinander und eine gute Zeit mit Freunden und der Familien. Eine Messe wie bei Euch muss ja auch am richtigen Ort, zur richtigen Zeit die richtigen Leute zusammen bringen. Auch wenn es bei einer Fachmesse spezialisierter ist und geschäftsmäßig, aber am Ende muss die Stimmung stimmen.“

Lorenz Kalb ist Schaussteller mit Leib und Seele und 1. Vorsitzender des Süddeutschen Verbands Reisender Schausteller und Handelsleute e.V. mit Sitz Nürnberg Foto: Ch. Hartung

Bei der NürnbergMesse treffen sich im November die Getränkehersteller, viele davon natürlich Brauer, zur BrauBeviale. Lorenz Kalb, der 2016 von der Bayerischen Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, mit der Bayerischen Staatsmedaille für soziale Verdienste geehrt wurde, bestätigt die Trends beim Bier bei Kirchweihen und Volksfesten in der Metropolregion Nürnberg. „Die Tucher Brauerei ist unsere Hauptpartner, aber wir haben etwa 30 Brauereien am Volkfestplatz vertreten und ja, es gibt die unterschiedlichsten Biere. Aber wir können bestätigen, dass eher zur „Halben“ statt zur Maß gegriffen wird. Und zum Schnitt (Schnell eingeschenkter [und damit zur Hälfte Bier und zur Hälfte Schaum] 0,5 oder 1L -Steinkrug.). Die Leute trinken weniger und eher die „leichten“ Biere. Anders als beim Oktoberfest gibt es auf dem Nürnberger Volksfest übrigens keinen Fixpreis für die Maß Bier. Diese werden von den Schaustellern je nach Größe und Art des Standes individuell berechnet.

Bodenständige Familienfeste seien das Ziel der Schausteller. „Wir unterscheiden uns mit den Volksfesten und den Kirchweihen, wie der Michaeliskirchweih in Fürth, gravierend vom Oktoberfest in München. Das ist ein Event für junge Leute. Wir hier sind eine Begegnungsstätte für alle – für Alt und Jung.

Mit Herz und Seele Schaussteller

So leben es auch die Schausteller vor. Viele von ihnen gehen dem Beruf bereits in der 5. oder gar 6. Generation nach und sind dabei mit Herz und Seele im Geschäft. Etwas anderes können sie sich nicht vorstellen. Das regelmäßige Umziehen mit ihrem Wohnwagen und ihrer Volkfest-Bude ist zwar eine große Herausforderung, gehört aber zum bewegten Leben eines Schaustellers dazu. Auch die Kinder sind auf dem Volksfest zu Hause. Achterbahn, Kettenkarussell und Zuckerwatte gehören für sie zum Alltag. Für Schaustellerkinder ist das Zuhause immer dort, wo der Wohnwagen steht – sprich dort, wo das nächste Volksfest ist. Somit wechseln sie stets die Schule. Fremd fühlen sie in den Klassen nicht, schließlich besuchen sie diese jedes Jahr aufs Neue.

Trotz ständigem Standortwechsel, ist der Verband Reisender Schausteller und Handelsleute e.V während der Volksfestlaufzeiten um gute Nachbarschaft bemüht. Jedes Jahr darf man bei Führungen hinter die Kulissen gucken. „Ich muss jetzt los, die Anwohner kommen. Denen zeigen wir, welche Leistung hinter dem Volksfest steckt.“ Zum Abschied empfiehlt uns Lorenz Kalb noch den Besuch der Festzelte „Hax‘n Liebermann“ oder Gigerlas Lössel“. „Die machen da alles selber, eigene Metzgerei-Produkte vom Feinsten und der Kartoffelsalat ist auch selbstgemacht. Da legen die Leute wert drauf.“, ruft er uns zu, und begrüßt schon seine neuen Gäste.

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