Russland kommt auf den Geschmack von Craft Beer

Im Land des Wodkas erwacht eine noch kleine, aber sehr kreative Craft Beer Bewegung /// von 

Foto: istockphoto.com/ClaudeMic

In Russland ist die Craft Bier Bewegung vergleichsweise klein und sehr jung, aber nicht minder kreativ. Im Vorfeld der Beviale Moscow haben wir uns mit den Vorreitern handwerklicher Braukunst über die dortige Szene unterhalten.

Vom Hausbrauer zum Craft Beer Revoluzzer

Eugene Tolstov ist ITler, der durch seine Arbeit für eine deutsche Bank viel in Europa herum gekommen ist. In Großbritannien wird er in den „Nuller Jahren“ Zeuge der dort aufblühenden Craft Beer Bewegung. In seinem Heimatland empfindet er die Verfügbarkeit und Auswahl an Bier zu jener Zeit als eher ärmlich. Tolstov träumt von einer eigenen Brauerei, um seinen Landsleuten die Biervielfalt neben den handelsüblichen Lagerbieren zu zeigen. Aber erst einmal übt er sich am eigenen Herd im Hausbrauen. 2013 kommt ein Unifreund auf ihn zu, mit der Idee ein Unternehmen zu gründen, das etwas „echtes“ anbietet, das Menschen glücklich macht. Schnell ist die Idee einer Brauerei geboren und Tolstov in der Lage sein Hobby zum Beruf zu machen. Noch im selben Jahr brauen die Freunde als „Victory Art Brew“ ihr erstes Bier. Noch als Gypsy Brauer – also als Gast in einer etablierten Brauerei. Bereits im Frühjahr 2014 ziehen sie in ihr eigenes Gebäude.

Tolstov berichtet von den ersten Vertriebsversuchen mit einem Lachen. „Fast keiner hat auf unser Angebot reagiert, ein Oatmeal Stout zu testen und auf die Karte zu setzen. Einer meinte sogar, dass russisches Bier Mist ist und seine Gäste so etwas niemals trinken werden.“ Entmutigen lässt sich das Team von Victory Art Brew davon aber nicht. Schließlich finden sie Bier-Enthusiasten wie sich selbst, die das neuartige Bier ins Angebot aufnehmen. Die Begeisterung führt dazu, dass im Sommer 2014 die erste „Craft Beer Bar“ in Moskaus Zentrum eröffnet, zum Jahresende sind es schon zehn. Auch immer mehr Brauer versuchen sich in der Szene. Eugene Tolstov erzählt: „2015 war es gefühlt so, dass jede Woche eine neue Bier Bar eröffnete und die Anzahl der Biervorstellungen ist schier explodiert. Es gab Tage, an denen ich zu vier Bierpräsentationen an vier verschiedenen Orten eingeladen war.“

Besonders experimentierfreudig beim Brauen und Trinken

Ein in der russischen Hauptstadt im Sommer 2015 gegründetes Craft Beer Business ist Бутылка, Кружка и Котел“ – „Flasche, Krug und Kessel“ von Anton Ermakov. Die Flasche symbolisiert die reichhaltige Auswahl an Craft Bieren in Flaschen zum Mitnehmen, der Krug steht für den Barbetrieb und der Kessel ist Symbol für das Hausbrauen. Letzteres wird in der eigenen kleinen Mikrobrauerei in Seminaren theoretisch und praktisch gelehrt. „Es ist wahnsinnig aufregend zu sehen, wie sich die Craft Revolution in Russland entwickelt und eben auch ein Teil davon zu sein“, erzählt Ermakov. Seiner Einschätzung nach, sind die Russen besonders schnell im Entdecken spezieller Bierstile. „Das, was in den USA Jahrzehnte gedauert hat und in Europa zumindest einige Jahre, machen wir im Schnelldurchlauf. Von hopfenbetont, zu imperialen Interpretationen bis hin zu den Sauerbieren wird alles probiert. Russische Brauer sind weltweit auf Bierfestivals und Messen unterwegs, um sich über Neuheiten zu informieren und sie auch bald selbst auszuprobieren.“

Craft Beer macht laut Ermakov 1-2% des nationalen Bierkonsum aus. „Was natürlich wenig ist. Aber in der Hauptstadt aber auch in anderen Städten Russlands bis hin zu ländlichen Gebieten entdecken immer mehr Russen die geschmackliche Vielfalt von Bier und verlieben sich regelrecht darin.“

Diese Einschätzung teilt Igor Lehnovich, Betreiber von mirbeer.ru, einem ungewöhnlichen (Online-)Shop für die russische Bierbranche. Neben dem Verkauf von internationalen Craft Beer Marken und handwerklich Gebrautem aus Russland hilft Mirbeer beim Einstieg ins Brauen mit dem richtigen Brauequipment und den passenden Zutaten. „Die meisten Craft Brauer in Russland haben mit dem Hausbrauen angefangen. Durch die gestiegene Nachfrage wandern sie aber vermehrt als Gypsy Brauer durchs Land und brauen in Kollaboration mit anderen oder sind dabei eigene Brauereien zu etablieren“, sagt Lehnov

Die Rezession als Glücksfall für handwerklich gebrautes Bier

Doch warum schmeckt den Russen so plötzlich handwerklich gebrautes Bier, am besten noch kombiniert mit einem herzhaften Mahl in einer angesagten Kneipe? Die Antwort ist überraschend: Die Inflation und der Verfall des Rubels hat importiertes Bier für viele unerschwinglich werden lassen, lokal gebraute Biere hingegen konnten sowohl die Geschmacksnerven als auch den Geldbeutel der Russen überzeugen.

Sowohl Eugene Tolstov als auch Igor Lehnovich bestätigen, dass insbesondere Indian Pale Ales aber auch Stouts beim russischen Publikum Anklang gefunden haben. „Diese Bierrevolution kam zustande, weil Bierliebhaber erkannt haben, dass wir Russen durchaus anderen Bierenstilen offen gegenüber stehen und wir auch in der Lage sind diese zu brauen“, erzählt Tolstov. Lehnovich übt sich unterdessen im Wiederbeleben einer alten russischen Brauweise, der „Pozhignoe“, die mit Steinbier vergleichbar ist. Während des Brauvorganges wird die Würze durch Zugabe erhitzter Steine gekocht. Diese Brauweise fand sich zu früherer Zeit vor allem in den Dörfern Russlands.

Was die Qualität der meisten russischen Biere anbelangt, sind alle drei überzeugt, dass diese durchaus mit europäischen Produkten mithalten können. „Ich habe russische Biere probiert und war beeindruckt von der Qualität“, erzählt Anton Ermakov. „Auf internationalen Festivals zeigt sich erhöhtes Interesse an Bieren von hier. Aber da ist natürlich noch Luft nach oben, wenn man bedenkt, wie jung die Szene ist und das noch viel ausprobiert wird.“

Herausfordernd für die noch junge Craft Beer Szene in Russland ist jedoch die schwierige Gesetzeslage. „Für einen Brauer ist es erst einmal ziemlich schwierig, selbst gebrautes Bier zu verkaufen. Will er eine neue Biersorte anbieten, steht er vor der nächsten Hürde. Die größte Herausforderung ist es, eine eigene Brauerei zu eröffnen“, sagt Igor Lehnovich. „Aber der Nachwuchs ist sehr enthusiastisch und eifrig dabei, etwas Neues zu wagen.“

 

 

 

 

 

 

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