• 11.03.2026

Brückenbauerin zwischen zwei Märkten: Sonia Prashar über das EU-Indien-Abkommen

Der Abschluss des EU-Indien-Freihandelsabkommens war auch eine große Stunde für eine Frau, die unermüdlich daran arbeitet, Indien und Deutschland zusammenzubringen: Sonia Prashar, Generalsekretärin der Federation of European Business in India (FEBI), CEO der NürnbergMesse India und für ihre Verdienste um das deutsch-indische Verhältnis bereits vor zwei Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Geschrieben von Reinhold Gebhart

Eine große Gruppe von Personen steht in mehreren Reihen auf einer Bühne vor einer hellen Event Hinterwand. Darauf sind der Schriftzug „EU India Business Forum“, das Datum „27th January 2026“ und der Veranstaltungsort „Bharat Mandapam, New Delhi“ zu sehen. Die Personen tragen formelle Kleidung und stehen für ein Gruppenfoto zusammen.

Drei Jahrzehnte lang engagiert sich Sonia Prashar schon für internationale Handelsbeziehungen und machte seit 2013 als Geschäftsführerin die NürnbergMesse India zum Big Player unter den Ausstellungsorganisationen auf dem Subkontinent. Das Abkommen mit der EU bedeutet für sie einen vorläufigen Höhepunkt. Sie war eng in den wirtschaftlichen Austausch eingebunden – als eine von vielen Akteurinnen und Akteuren, die diesen Prozess über Jahre hinweg mitgestaltet haben. Im Interview streicht sie dessen Bedeutung hervor.

Frau Prashar, Sie zeigten sich über den Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien hocherfreut und sprachen von einem „sehnlichst erwarteten Tag“. Herzlichen Glückwunsch! Wie sehen Sie das jetzt mit etwas Abstand?

Das Gefühl der Erfüllung und der Optimismus sind nach wie vor stark. Nach fast zwei Jahrzehnten der Verhandlungen markiert der Abschluss des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien einen wahrhaft historischen Meilenstein in unseren bilateralen Beziehungen. Es sendet ein starkes Signal der strategischen Ausrichtung und des gegenseitigen Vertrauens in einem sich schnell verändernden globalen Umfeld.

Allerdings hat sich das Gespräch nun natürlich von der Feierlichkeit zur Umsetzung verlagert. Unternehmen stellen praktische Fragen: Wann tritt das Abkommen in Kraft, wie werden die Zolltarife schrittweise eingeführt und worauf sollten sich Unternehmen zuerst vorbereiten? Der wahre Wert des Freihandelsabkommens liegt nicht nur im Abschluss der Verhandlungen, sondern auch darin, wie effektiv es in operative Klarheit und Vorhersehbarkeit vor Ort umgesetzt wird.
In der heutigen unsicheren Welt ist ein regelbasierter und rechtlich verankerter Rahmen für Handel und Investitionen an sich schon ein strategischer Vorteil. Das Freihandelsabkommen bietet diese Sicherheit, und das ist von enormem Wert.

Vor einer großen roten Fotowand mit der Aufschrift „Celebrating 10 sustainable growth“ stehen zwei Männer und eine Frau nebeneinander auf einem gepflasterten Außenbereich. Die Wand trägt außerdem das Logo der NürnbergMesse. Hinter der Fotowand sind grüne Pflanzen sichtbar.
Sonia Prashar verbindet europäische und indische Wirtschaftsräume und prägt damit maßgeblich die Entwicklung der NürnbergMesse India. 

Sie sagen auch, dass das Abkommen langfristige Chancen und Möglichkeiten für alle eröffnet, die bereit sind, Indien wirklich zu verstehen. Was müssen Europäer wissen, über Indien wissen?

Um Indien zu verstehen, braucht man eine langfristige Perspektive. Indien ist nicht immer ein Markt für kurzfristige Transaktionen, sondern vielmehr ein Markt, in den man investieren und mit dem man wachsen kann.

Europäische Unternehmen, die in Indien erfolgreich sind, sind diejenigen, die dessen Größe, Vielfalt und Dynamik zu schätzen wissen. Indien vereint politische Stabilität, hochqualifizierte und junge Arbeitskräfte, wettbewerbsfähige Produktionskapazitäten und eine sich rasch verbessernde Infrastruktur. Gleichzeitig erfordern Regulierungsprozesse, Unterschiede auf Bundesstaatenebene und Compliance-Rahmenbedingungen Geduld und Vorbereitung.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Wirtschaft ist, dass die Vorhersehbarkeit der Regulierung sogar noch wichtiger ist als Zollsenkungen. Unternehmen wünschen sich Klarheit in Bezug auf Genehmigungen, Zollverfahren, die Angleichung von Standards und Compliance-Verfahren. Das Freihandelsabkommen trägt dazu bei, den Dialog und die Zusammenarbeit genau in diesen Bereichen zu institutionalisieren, was im Laufe der Zeit einen weitaus größeren Mehrwert schaffen wird als Zölle allein.

Um Indien wirklich zu verstehen, muss man sowohl seine Chancen als auch seine Komplexität erkennen und mit Engagement, Anpassungsfähigkeit und Partnerschaft an das Land herangehen. Wer dies tut, wird feststellen, dass die Chancen erheblich und langfristig sind.

Sie waren und sind weiterhin eine wichtige Stimme im Dialog zwischen Indien und Europa. Wie hat sich dieser Dialog entwickelt?

Der Dialog zwischen der EU und Indien hat sich im Laufe des letzten Jahrzehnts weiterentwickelt. Was ursprünglich in erster Linie als handelsorientiertes Engagement begann, hat sich zu einer umfassenderen strategischen Partnerschaft entwickelt, die auf gemeinsamen Interessen und wachsendem gegenseitigen Vertrauen basiert.

Heute geht der Dialog weit über den Marktzugang hinaus und umfasst Themen wie die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten, die Zusammenarbeit im Bereich saubere Energie, Nachhaltigkeit, digitale Transformation und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. 

Die Beziehungen sind zudem strukturierter und institutionalisierter geworden. Die Partnerschaft wird nun durch stärkere institutionelle Rahmenbedingungen untermauert. Durch integrierte Bestimmungen zur regulatorischen Zusammenarbeit und Transparenz gewährleistet das Freihandelsabkommen einen kontinuierlichen, strukturierten und vorhersehbaren Dialog. 

Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es eine deutliche Verlagerung hin zu mittel- und langfristiger Planung. Europäische Unternehmen sehen Indien zunehmend als strategischen Anker in ihren Diversifizierungsbemühungen. Die Partnerschaft wird nicht mehr als rein transaktional angesehen, sondern als Teil einer nachhaltigen Annäherung zwischen zwei großen demokratischen Volkswirtschaften, was diesen Moment besonders bedeutsam macht.

Ein Mann und eine Frau stehen nebeneinander in einem Innenraum mit offenstehenden Holztüren im Hintergrund. Beide Personen halten eine dunkle Mappe mit einem goldenen Emblem. Die Frau trägt traditionelle Kleidung und eine Auszeichnung auf der Brust, der Mann einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte. Beide stehen leicht zueinander gewandt und präsentieren die Mappe.
Mit ihrem Engagement prägt Sonia Prashar seit Jahrzehnten die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und Europa.

Autor

Portrait von Reinhold Gebhart
Reinhold Gebhart
Online-Redaktion // Editor for Vincentz Network