• 30.04.2026

„Buntes Handwerk“: Vielfalt eröffnet neue Perspektiven

Das Handwerk steht vor großen Herausforderungen: Fachkräftemangel, Nachwuchsgewinnung und Unternehmenskultur rücken zunehmend in den Fokus. Zukunftsfähigkeit entscheidet sich nicht nur an Technik und Prozessen, sondern auch daran, wer Zugang zum Handwerk findet. Fachmessen wie die HOLZHANDWERK greifen diese Fragen auf und machen sichtbar, welche gesellschaftlichen Entwicklungen die Branche zunehmend prägen.

Geschrieben von Johanna Köhler

Zwei Personen stehen vor einer bunten Kundgebung mit Fahrzeug und Bannern.

Die HOLZ HANDWERK Arena 2026 bot Raum für zentrale Zukunftsthemen des Handwerks – von neuen Arbeitsrealitäten über Fachkräftegewinnung bis hin zu Unternehmenskultur. Einer der Impulse richtete den Blick bewusst auf Diversität und strukturelle Zugangsfragen: Mit ihrem Vortrag „Thinking in and outside boxes“ zeigte Maren Kogge, Gründerin des gemeinnützigen Vereins „Buntes Handwerk e.V.“, warum Vielfalt im Handwerk ein relevanter Faktor für seine Zukunftsfähigkeit ist.

Der Weg zur Gründung von „Buntes Handwerk“

Ausgangspunkt für die Gründung von Buntes Handwerk waren persönliche Erfahrungen. Als Kirchenmalerin und Unternehmerin hatte Maren Kogge über Jahre hinweg eine offene, wertschätzende Unternehmenskultur aufgebaut. Doch sie merkte schnell, dass gelebte Vielfalt nicht an der eigenen Werkstatttür endet. „Ich kann noch so einen Safespace im eigenen Betrieb schaffen – ich kann meine Mitarbeitenden aber nicht vor dem schützen, was draußen auf Baustellen passiert“, schildert sie. Besonders Menschen mit Migrationshintergrund, Trans-Personen oder nicht-binäre Menschen würden im Arbeitsalltag häufig benachteiligt werden. 

Ein prägender Moment war für Kogge ein Telefonat während ihrer Kandidatur zur Miss Handwerk. Ihr Wahlversprechen: Im Falle eines Sieges würde sie den Verein Buntes Handwerk gründen. Statt Unterstützung erhielt sie eine klare Warnung. Man solle doch lieber „nur über Frauen sprechen – Diversität und Inklusion liegen schwer im Magen“. Für Kogge war das der Wendepunkt: „Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Jetzt erst recht. Es geht hier um viel mehr als um mich oder meine Karriere.“

Nach ihrer Wahl zur Miss Handwerk setzte sie 2023 ihr Versprechen um. Aus einer Initiative wurde ein gemeinnütziger Verein, getragen von mittlerweile vielen Mitgliedern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Roter Lkw mit buntem Aktionsaufbau und bedurckt mit dem Logo "Buntes Handwerk e.V.". Menschen laufen daneben her und stehen davor.
Die Gründung von Buntes Handwerk macht sichtbar, wie aus persönlichen Erfahrungen strukturelles Engagement entsteht.

Barrieren, die oft unsichtbar bleiben

Die Anfragen beim Verein zeigen, wie groß der Bedarf ist. Täglich wenden sich Menschen an Buntes Handwerk, die im Handwerk arbeiten wollen, aber keinen Zugang finden. „Wir bekommen aktuell rund 25 Mails am Tag von Menschen, die keinen Zugang zum Handwerk bekommen – wegen ihres Vornamens, ihres Nachnamens, ihres Frauseins oder weil sie trans oder nicht binär sind“, so Kogge.

Besonders eindrücklich sind Beispiele, die strukturelle Vorurteile sichtbar machen: Ein trans-Zimmerer schrieb mit seinem zunächst noch weiblichen Vornamen über 60 Bewerbungen in ganz Deutschland – erfolglos. Nach der Namensänderung kamen mit identischem Lebenslauf, aber nun männlichem Vornamen, innerhalb kürzester Zeit Ausbildungszusagen. „Dann erzählt mir bitte niemand, wir seien längst gleichberechtigt“, sagt Kogge.

Auch bei Frauen halten sich alte Denkmuster. Fehlende sanitäre Einrichtungen, vermeintliche Leistungsfähigkeit oder gesundheitliche Zuschreibungen werden weiterhin als Argumente genutzt. Für Kogge sind das keine Randphänomene, sondern Ausdruck tief verankerter Vorurteile – oft unbewusst, manchmal offen artikuliert.

Person hält zwei Plakate mit Aufschriften "Handwerk ist bunt" und "Alle Hände für's Handwerk" hoch.
Vielfalt im Handwerk bedeutet, dass unterschiedliche Lebensrealitäten mitgedacht werden.

Vielfalt beginnt im Betrieb – und im Alltag

Gleichzeitig sieht Buntes Handwerk auch positive Entwicklungen. Immer mehr Betriebe erkennen, dass Unternehmenskultur ein entscheidender Faktor für Bindung und Motivation ist. „Lohn kommt in Umfragen oft erst auf Platz sechs“, erklärt Kogge. „Ganz oben stehen Betriebsklima, Führung und Zugehörigkeit.“

Veränderung muss dabei nicht komplex sein. Niedrigschwellige Maßnahmen wie Praktikumstage, sichtbare Vorbilder im Team, klare Verhaltenskodizes oder regelmäßige Gespräche senden wichtige Signale. Entscheidend sei, dass Menschen sich gesehen fühlen – und langfristig im Handwerk bleiben.
Denn die Zahlen sind alarmierend: Über die Hälfte der Auszubildenden verlässt das Handwerk zwischen dem ersten und dritten Lehrjahr, ein weiteres Drittel direkt nach der Ausbildung. Für Kogge ein klares Zeichen: „Wir haben kein Begeisterungsproblem – wir haben ein Kulturproblem.“

Die sieben Dimensionen von Vielfalt

Gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Maren Kogge in ihrem Vortrag nicht bei persönlichen Erfahrungen stehen bleibt, sondern strukturelle Zusammenhänge aufzeigt. Im Zentrum ihres Vortrags in der HOLZ HANDWERK Arena standen die sieben Dimensionen von Vielfalt, die auch das Symbol des siebenfarbigen Regenbogens im Vereinslogo erklären. Dazu zählen Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft, Religion, Behinderung und soziale Herkunft. „Es geht nicht darum, Diversity Bingo zu spielen und alle Felder abzuhaken“, sagt Kogge. „Sondern darum zu erkennen, dass unterschiedliche Perspektiven reale Stärken sind.“

Ein oft unterschätztes Beispiel ist Inklusion von Menschen mit Behinderung. Die meisten Behinderungen entstehen im Laufe des Lebens – auch im Handwerk. Dennoch wird Teilhabe häufig auf Werkstätten für Menschen mit Behinderung reduziert. Dabei zeigen zahlreiche Praxisbeispiele, wie veränderte Denkweisen und flexible Lösungen Arbeitsplätze ermöglichen: durch angepasste Werkbänke, neue Aufgabenverteilungen oder technische Hilfsmittel.

Gruppe aus sechs Personen steht vor Hintergrundwand und hält Schilder mit verschiedenen Handwerksberufen und Regenbogen hoch.
Vielfalt im Handwerk zeigt sich dort, wo unterschiedliche Perspektiven in vielfältigen Berufen gleichberechtigt sichtbar sind.

Vielfalt als Schlüssel zur Zukunft

Dass Diversität auch wirtschaftlich wirkt, belegen konkrete Beispiele. Hanebutt, Fördermitglied von Buntes Handwerk und zweitgrößter Dachdeckerbetrieb Deutschlands, beschäftigt Menschen aus 24 Nationen. Der Geschäftsführer bringt es laut Kogge auf den Punkt: Vielfalt sei sein Schlüssel zum Erfolg.

Für Maren Kogge ist klar: „Zukunftsfähig bleibt das Handwerk nur, wenn Vielfalt selbstverständlich wird.“ Es brauche Betriebe, die bereit sind zuzuhören, umzudenken und Verantwortung zu übernehmen. Fachmessen wie die HOLZ HANDWERK bieten dafür die passende Bühne: als Orte des Dialogs, der Sichtbarkeit und des Perspektivwechsels.

Denn Zukunft entsteht dort, wo Menschen eine Chance bekommen – unabhängig davon, wie sie aussehen, wen sie lieben oder welchen Namen sie tragen.

Drei Personen stehen vor Fahrzeug mit Logos und halten Fahne mit der Aufschrift "Bunbtes Handwerk" hoch.
Mit Buntes Handwerk setzt Maren Kogge Impulse für eine offenere und zukunftsfähige Handwerkskultur.

Autor

Portrait Johanna Köhler
Johanna Köhler