Die HOLZ‑HANDWERK bringt das Handwerk zusammen und greift dabei auch Themen auf, die weit über Technik, Materialien und Prozesse hinausgehen. In der HOLZ‑HANDWERK Arena 2026 standen zentrale Zukunftsfragen der Branche im Fokus: Fachkräftegewinnung, neue Arbeitsrealitäten und die unternehmerischen Rahmenbedingungen, unter denen Betriebe heute geführt werden.
Dazu gehörte auch eine Frage, die viele Selbstständige unmittelbar betrifft: Wie lassen sich Unternehmertum, Schwangerschaft und Familie miteinander vereinbaren?
Eine der zentralen Stimmen auf der Bühne war Johanna Röh – Tischlermeisterin, Unternehmerin, Mutter und Initiatorin der Bewegung „Mutterschutz für Alle!“. Im Interview spricht sie über systemische Lücken, persönliche Erfahrungen und darüber, warum diese Fragen nicht nur einzelne Unternehmerinnen betreffen, sondern die Zukunftsfähigkeit des Handwerks insgesamt.
Frau Röh, wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie als selbstständige Mutter im Handwerk an strukturelle Grenzen stoßen?
Eigentlich war mir schon vor meiner Schwangerschaft klar, dass das schwierig werden würde. Damals war ich noch angestellt und habe gleichzeitig gespürt, dass ich nicht darauf warten möchte, bis es mit Familienplanung und Selbstständigkeit irgendwann „passt“. Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden zu gründen – auch mit dem Wissen, dass eine Schwangerschaft Herausforderungen mit sich bringen kann.
Was ich jedoch völlig unterschätzt habe, war die Grundsätzlichkeit des Problems. Es geht nicht um einzelne Hürden, sondern darum, dass Schwangerschaft in der Selbstständigkeit strukturell überhaupt nicht mitgedacht ist. Mein Eindruck war: Dieses Szenario ist im System schlicht nicht vorgesehen.
Welche Situationen haben Ihnen besonders deutlich gezeigt, dass der aktuelle Mutterschutz für Selbstständige nicht ausreicht?
Ich hatte mich im Vorfeld bewusst über Krankengeld abgesichert und ging davon aus, damit zumindest eine gewisse Sicherheit zu haben. In der Praxis zeigt sich aber schnell, dass diese Systeme nicht darauf ausgelegt sind, solche Lebenssituationen wirklich abzufangen.
Die Bedingungen sind oft intransparent, selbst bei den Versicherungen fehlt es an Wissen zur Sachlage. Hinzu kam, dass die Berechnungsgrundlage genau in eine Phase fiel, in der mein Einkommen durch Investitionen und Schwangerschaftssymptome ohnehin reduziert war – die Leistung lief am Ende faktisch gegen null.
Als mir dann erklärt wurde, dass ich keinen Handschlag mehr im Betrieb machen dürfe, solange ich Krankengeld beziehe – also keine Telefonate, keine Organisation, keine Rechnungen –, wurde die Absurdität besonders deutlich. Gleichzeitig gibt es keinerlei Absicherung für laufende Betriebskosten. Der Vorschlag, dafür einen Kredit aufzunehmen, hat für mich gezeigt, wie realitätsfern das System ist.
Wie erleben Sie das Handwerk als Frau und Mutter – wo funktioniert etwas bereits gut, wo fehlt Unterstützung?
Ich habe mir meine eigene Nische geschaffen und sehr klar definiert, wie ich arbeiten möchte. Im Alltag kann das gut funktionieren – Handwerk macht man als Mensch, nicht als Mann oder Frau.
Sobald es jedoch um strukturelle Fragen geht, stoßen individuelle Lösungen an ihre Grenzen: rechtliche Rahmenbedingungen, soziale Absicherung, die Einordnung von Schwangerschaft. Und hier zeigt sich sehr deutlich, dass Frauen systematisch benachteiligt sind. Schwangerschaft wird nicht als Teil wirtschaftlicher Realität betrachtet, sondern als Risiko – mit potenziell existenzgefährdenden Folgen.
Das ist nicht nur eine persönliche Herausforderung, sondern ein klarer Wettbewerbsnachteil gegenüber männlichen Kollegen. Das ist für mich der entscheidende Punkt: Im Kleinen funktioniert viel, im Großen stimmt das System nicht.
Warum haben Sie die Initiative „Mutterschutz für Alle!“ gegründet und was möchten Sie damit politisch verändern?
Während meiner eigenen Schwangerschaft hatte ich stark das Gefühl, in diesem System schlicht nicht vorgesehen zu sein. Gleichzeitig habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich mit diesen Erfahrungen keineswegs allein bin. Viele Frauen meldeten sich mit ähnlichen Geschichten.
Gleichzeitig sprechen wir im Handwerk über Nachwuchsmangel, Betriebsnachfolge und darüber, dass mehr Frauen gründen oder Betriebe übernehmen sollen. Aber genau in dem Moment, in dem sie Kinder bekommen, lassen wir sie mit dem wirtschaftlichen Risiko allein. Das passt nicht zusammen.
Unser Ziel ist deshalb klar: eine gesetzliche Absicherung, die selbstständige Frauen in der Schwangerschaft nicht ins wirtschaftliche Abseits drängt, sondern es ihnen ermöglicht, Betriebe weiterzuführen und gleichzeitig Kinder zu bekommen. Das ist keine rein soziale Frage, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wir können es uns nicht leisten, auf diese Unternehmerinnen zu verzichten.
Was würden Sie Frauen raten, die sich im Handwerk selbstständig machen wollen und eine Familie planen?
Unter den aktuellen Bedingungen sage ich leider: Wenn es möglich ist, in einer Anstellung schwanger zu werden, ist das oft der sicherere Weg – auch wenn das bereits zeigt, wie schief die Ausgangslage ist.
Wenn Selbstständigkeit und Schwangerschaft zusammenfallen, ist es enorm wichtig, sich frühzeitig und sehr genau mit Absicherungen auseinanderzusetzen. Die Informationslage ist heute besser als noch vor einigen Jahren, auch wir als Initiative stellen Wissen und Erfahrungsberichte zur Verfügung.
Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen: Das Problem liegt nicht bei den Frauen. Es liegt bei den Rahmenbedingungen. Mein Rat ist deshalb immer zweigeteilt: Geht euren Weg – aber vernetzt euch, informiert euch und arbeitet mit daran, dass sich genau dieses System verändert.
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