• 22.07.2026

Ehrenamt, das bewegt: Judo für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung

Im Juli steht bei der NürnbergMesse der Corporate Volunteering Month im Fokus. In diesem Rahmen engagieren sich Mitarbeitende in verschiedenen Projekten für gemeinnützige Zwecke und setzen sich gemeinsam für andere ein. Viele von ihnen engagieren sich darüber hinaus auch privat ehrenamtlich – in unterschiedlichen Bereichen und mit großem persönlichem Einsatz. Die NürnbergMesse unterstützt dieses Engagement und würdigt es unter anderem mit einem zusätzlichen Tag Sonderurlaub pro Jahr. In einer Interviewreihe stellen wir Kolleginnen und Kollegen vor, die sich ehrenamtlich einbringen – und sprechen mit ihnen darüber, was sie antreibt und bewegt.

Geschrieben von Johanna Köhler

Gruppe von Judoka und Begleitpersonen bei den Special Olympics in Sporthalle.

Viktoria Lorenz ist Social Media Managerin in der Unternehmenskommunikation der NürnbergMesse und verantwortet dort die Corporate Social Media Kommunikation des Unternehmens. Privat steht sie seit rund 20 Jahren auf der Judomatte und unterstützt seit etwa eineinhalb Jahren die ID-Judoka des TV 1848 Erlangen. ID-Judo richtet sich an Menschen mit einer geistigen beziehungsweise kognitiven Beeinträchtigung und ermöglicht ihnen die Teilnahme am Trainings- und Wettkampfbetrieb. Obwohl Viktoria keine offizielle Trainerin der Gruppe ist, begleitet sie die Sportlerinnen und Sportler bei Turnieren, Lehrgängen und besonderen Veranstaltungen – zuletzt vergangenen Monat bei den Special Olympics Nationalen Spielen im Saarland, dem größten Multisportevent Deutschlands für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung.

Im Interview erzählt sie, wie sie zu diesem Engagement gekommen ist, welche besonderen Erfahrungen sie bei den Special Olympics gesammelt hat und warum sie diese Zeit persönlich bereichert hat.

Wie bist du dazu gekommen, Judo mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zu machen?

Eigentlich bin ich eher zufällig dazu gekommen. Damals wurde ich wegen Trainermangels gefragt, ob ich eine Gruppe von ID-Judoka bei einem kleineren Turnier begleiten könnte. Aus dieser einmaligen Unterstützung entwickelte sich schnell mehr. Kurz darauf sind wir gemeinsam zur Bayerischen Einzelmeisterschaft gefahren, später folgte ein Vorbereitungslehrgang für die Special Olympics Nationale Spiele und schließlich die Reise ins Saarland zu den Spielen selbst.

Besonders schön war für mich zu erleben, wie viel Begeisterung, Ehrgeiz und Freude die Sportlerinnen und Sportler mitbringen. Wichtig ist mir dabei: Ich bin keine offizielle Trainerin der Gruppe, sondern unterstütze immer dort, wo Hilfe gebraucht wird.

Was bedeutet dir die Arbeit mit deinem Team – besonders im Hinblick auf die Teilnahme an den Special Olympics?

Mir war es vor allem wichtig, den Judoka diese tolle Erfahrung zu ermöglichen. Eine ganze Woche unterwegs zu sein, an Wettkämpfen und einem bunten Rahmenprogramm teilzunehmen, neue Menschen kennenzulernen und Teil einer großen Sportveranstaltung zu sein, ist etwas ganz Besonderes. Gerade Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung profitieren enorm davon, ihr gewohntes Umfeld für einige Tage zu verlassen und neue Erfahrungen zu sammeln. Solche Erlebnisse stärken das Selbstvertrauen, fördern die Eigenständigkeit und zeigen, was mit Mut und Unterstützung alles möglich ist. Die Teilnahme an den Special Olympics war deshalb weit mehr als nur ein sportlicher Wettbewerb.

Es war schön zu beobachten, mit wie viel Stolz und Freude die Athletinnen und Athleten diese besondere Woche erlebt haben. Viele Eindrücke und Erlebnisse begleiten sie noch lange über den eigentlichen Wettbewerb hinaus. Genau das macht solche Veranstaltungen aus meiner Sicht so wertvoll. 

Person im Judogi steht auf Wettkampfmatte bei Special Olympics vor Tribüne.
Die Special Olympics sind weit mehr als ein Wettbewerb. Sie schaffen Begegnungen und unvergessliche Erlebnisse.

Welche Momente aus dem Training oder den Wettkämpfen bleiben dir besonders in Erinnerung?

Was mich immer wieder beeindruckt, ist die Einstellung vieler ID-Judoka zum Wettkampf. Natürlich gibt es Enttäuschung, wenn ein Kampf verloren geht. Aber oft hält diese nicht lange an.

Stattdessen freuen sich viele ganz selbstverständlich und ehrlich für ihre Gegner. Diese Fairness, Wertschätzung und die Fähigkeit, sich mit anderen zu freuen, sind etwas ganz Besonderes. Gerade in einer leistungsorientierten Sportwelt ist das eine Haltung, die mich immer wieder beeindruckt und die mir nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Zum Schluss: Was hat dein Engagement mit dir gemacht – ganz persönlich?

Mich hat die Arbeit vor allem geerdet und meinen Blick auf den Sport verändert. Ich habe gelernt, Siege und Niederlagen anders einzuordnen und den Moment mehr zu schätzen. Nicht immer steht das Ergebnis im Vordergrund – oft sind die gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse viel wichtiger.

Gleichzeitig nehme ich unglaublich viel positive Energie aus dieser Zeit mit. Die Offenheit, Ehrlichkeit und Begeisterung für den Sport, die viele der Judoka ausstrahlen, sind ansteckend. Für mich ist dieses Engagement deshalb nicht nur sportlich, sondern vor allem menschlich eine große Bereicherung.

Die Arbeit mit den Judoka erinnert mich immer wieder daran, wie wichtig gegenseitiger Respekt, Wertschätzung und Zusammenhalt sind. Viele Begegnungen haben mir gezeigt, wie viel man voneinander lernen kann, wenn man offen aufeinander zugeht. Diese Erfahrungen nehme ich weit über den Sport hinaus mit in meinen Alltag. 

Zwei Personen demonstrieren Judotechnik auf roter Matte bei Sportveranstaltung.
Die Offenheit und Begeisterung der Judoka zeigen, wie viel Menschen voneinander lernen können.

Autor

Portrait Johanna Köhler
Johanna Köhler