• 30.09.2026

10.000 Quadratmeter auf Zeit: Warum die area30 jedes Jahr neu entsteht

Jedes Jahr entsteht im ostwestfälischen Löhne eine Messehalle mit rund 10.000 Quadratmetern Fläche. Nach sechs Tagen Fachmesse ist sie wieder verschwunden. Was zunächst nach einem kurzlebigen Bauwerk klingt, erzählt bei genauerem Hinsehen eine andere Geschichte: von wiederverwendbaren Materialien, jahrzehntelangen Lebenszyklen und der Frage, wie sich Räume flexibel nutzen lassen, ohne sie dauerhaft zu bauen. Ein Blick hinter die Kulissen der area30 zeigt, was hinter dem Konzept der temporären Messehallen steckt.

Geschrieben von Johanna Köhler

Besucherinnen und Besucher an den Messeständen der area30 in Löhne. In der temporären Messehalle sind zahlreiche Ausstellungsflächen und Gespräche zwischen Fachbesuchern zu sehen.

Aluminiumträger liegen bereit, Lastwagen liefern Wand- und Dachelemente an. Schritt für Schritt wächst auf dem Festplatz eine Messehalle heran. Zur Eröffnung der area30 vom 19. bis 24. September wird davon kaum noch etwas zu sehen sein. Besucherinnen und Besucher bewegen sich durch Ausstellungsflächen, führen Gespräche, entdecken neue Produkte und Trends rund um die Küche. Was die wenigsten wahrnehmen: Die Halle selbst ist Teil einer Entwicklung, die zunehmend von Fragen nach Ressourceneinsatz, Flächennutzung und Kreislaufwirtschaft geprägt wird.

Eine Messehalle, die mit ihren Aufgaben wächst

Löhne gilt als Zentrum der deutschen Küchenmöbelindustrie. Jedes Jahr öffnen Hersteller in der Region ihre Showrooms für Fachhandelspartner. Für viele Unternehmen der Branche, die keinen eigenen Standort vor Ort besitzen, bietet die area30 eine gemeinsame Plattform.

Weil es in der Region keine bestehende Halle in der benötigten Größe gibt, setzt Veranstalter trendfairs seit Jahren auf einen temporären Messekomplex. Drei modulare Hallen bilden gemeinsam die rund 10.000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche. Für Projektmanager Arian Kiesling liegt darin ein wesentlicher Vorteil: „Aufgrund der Flexibilität der Konstruktion konnte und kann der Baukörper mit dem Erfolg der area30 mitwachsen. Bei einer festen Messehalle wäre dies so nicht möglich gewesen.“ Die Flexibilität betrifft jedoch nicht nur die Fläche. Sie ermöglicht auch, auf veränderte Anforderungen zu reagieren, ohne dauerhaft neue Gebäude errichten zu müssen. 

Drei Mitarbeiter beim Aufbau der area30 in Löhne. Einer steht auf einer blauen Hebebühne, während im Hintergrund Messestände und technische Ausstattung vorbereitet werden.
Jedes Jahr entsteht die area30 aufs Neue – dank flexibler Hallensysteme, eingespielter Teams und präziser Logistik.

Vom Festplatz zur Fachmesse und weiter zum Oktoberfest

Das Besondere an dem Konzept ist die Wiederverwendbarkeit. Kaum haben die letzten Besucherinnen und Besucher die area30 verlassen, beginnt für große Teile der Messehalle bereits der nächste Einsatz. Einige Komponenten bleiben in Löhne und werden für das Oktoberfest weiterverwendet. Andere reisen zu Veranstaltungen in Deutschland oder ins europäische Ausland. „Wenn ein und derselbe Baukörper an bis zu zehn unterschiedlichen Standorten genutzt wird, ersetzt dieser zehn feste Gebäude“, sagt Kiesling.

Die Fläche selbst bleibt flexibel nutzbar. Nach dem Abbau entstehen keine langfristigen Unterhaltskosten, keine dauerhafte Bodenversiegelung und keine Gebäude, deren Nutzung möglicherweise nach wenigen Jahren endet. Stattdessen kann derselbe Standort immer wieder für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden.

20 bis 30 Jahre im Einsatz

Auch bei Losberger De Boer, dem Unternehmen hinter den Hallensystemen der area30, beginnt Nachhaltigkeit nicht erst beim Aufbau. Entscheidend ist der gesamte Lebenszyklus der Konstruktion. Viele Komponenten werden über Jahrzehnte hinweg genutzt. Nach jeder Veranstaltung werden sie geprüft, gewartet und bei Bedarf repariert. Anschließend gehen sie in den nächsten Einsatz. „Die durchschnittliche Lebensdauer unserer Bauwerke beträgt 20 bis 30 Jahre“, erklärt CSR-Managerin Chaima Madani.

Möglich wird dies durch den modularen Aufbau. Einzelne Elemente können ausgetauscht oder repariert werden, ohne die gesamte Konstruktion ersetzen zu müssen. Wird eine Halle an einem Ort nicht mehr benötigt, entsteht daraus kein Abfall. Die Bauteile werden neu kombiniert und für andere Projekte eingesetzt. Dieses Prinzip folgt dem Gedanken der Kreislaufwirtschaft: Materialien möglichst lange nutzen und ihren Wert erhalten.

Was Besucher kaum sehen

Während der Messe steht meist das Geschehen auf den Ständen im Mittelpunkt. Unsichtbar bleibt dagegen ein großer Teil der Infrastruktur. Hinter den Kulissen entstehen temporäre Küchen, Kühllager, Sanitäranlagen, Technikräume, Heiz- und Klimasysteme, WLAN-Netzwerke, Entsorgungsbereiche und Erste-Hilfe-Stationen. Innerhalb weniger Tage entsteht eine Infrastruktur, die mit der einer permanenten Messehalle vergleichbar ist. „Im Grunde genommen ist die area30 rund um die Uhr in Betrieb“, sagt Kiesling.

Beeindruckend sei dabei nicht nur die Materialmenge, sondern vor allem die Logistik dahinter. Jedes Bauteil muss angeliefert, verbaut und nach Veranstaltungsende innerhalb weniger Tage wieder abtransportiert werden. Vom Kaffeebecher bis zum Kühlcontainer verlässt jedes Element den Platz erneut.

Aufbauarbeiten im Bereich „benthaus“ auf der area30. Zwischen Leitern, verpackten Bauteilen und technischen Geräten werden Messestände und Infrastruktur vorbereitet.
Was nach wenigen Messetagen wieder verschwindet, ist Teil eines langfristigen Konzepts für Wiederverwendbarkeit und Ressourcenschonung.

Wie sich der Hallenbau weiterentwickelt

Gleichzeitig entwickelt sich auch der temporäre Hallenbau selbst weiter. Moderne Hallensysteme setzen zunehmend auf energieeffiziente Lösungen. Bei der area30 wurden in den vergangenen Jahren unter anderem LED-Beleuchtung installiert, Klimawärmepumpen integriert und Dachsysteme weiterentwickelt, um Aufheizung und Wärmeverluste zu reduzieren. Auch Barrierefreiheit spielte bei der Weiterentwicklung der Infrastruktur eine wichtige Rolle. Darüber hinaus rückt die Frage nach dem tatsächlichen CO₂-Fußabdruck stärker in den Fokus. Laut Losberger De Boer gewinnen künftig insbesondere Kreislaufwirtschaft, Energieeffizienz und transparente Umweltkennzahlen an Bedeutung. „Wir erwarten, dass messbare Umweltauswirkungen künftig eine immer größere Rolle spielen werden“, sagt Madani.

Räume für Begegnungen

Nachhaltigkeit erschöpft sich allerdings nicht in Material- und Energiebilanzen. Temporäre Hallen erfüllen auch eine soziale Funktion. Für einige Tage entsteht ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Kontakte knüpfen, Wissen austauschen und Geschäfte anbahnen. Gerade Fachmessen leben von diesen persönlichen Begegnungen. „Unsere Konstruktionen schaffen Räume, in denen Menschen sich treffen, Kontakte knüpfen, Wissen austauschen und Geschäfte tätigen können“, betont Madani.

Die area30 ist dafür ein gutes Beispiel. Was für Besucherinnen und Besucher wie eine Messehalle auf Zeit wirkt, ist in Wirklichkeit Teil eines Systems, das über viele Jahre und an vielen Orten genutzt wird. Wenn nach der Veranstaltung die letzten Elemente verladen werden und der Festplatz wieder frei wird, endet deshalb nicht die Geschichte der Halle. Sie beginnt an anderer Stelle von Neuem. Und genau darin liegt ihre besondere Eigenschaft: dass sie bleibt, obwohl sie verschwindet. 

Autor

Portrait Johanna Köhler
Johanna Köhler