„Digitalisierung hat unsere Gesellschaft bereits maßgeblich verändert“

Ein Interview über Künstliche Intelligenz und ihre Grenzen mit Prof. Dr.-Ing. Axel Sikora, Vorsitzender des Messebeirats der embedded world. /// von  und 

Fotorecht: NürnbergMesse / Jan Scheutzow

Prof. Dr.-Ing. Axel Sikora ist wissenschaftlicher Leiter des Instituts für verlässliche Embedded Systems und Kommunikationselektronik (ivESK) an der Hochschule Offenburg sowie stellv. Institutsleiter und Bereichsleiter „Software Solutions“ bei der Hahn-Schickard Gesellschaft für Angewandte Forschung e.V. Seit 2018 ist er Vorsitzender des Messebeirats und des Steering Boards der embedded world Exhibition & Conference.

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Die Digitalisierung wird als 4. industrielle Revolution bezeichnet. Wie wird sie unsere Gesellschaft verändern?
Diese Frage bezieht sich nicht nur auf die Zukunft, weil die Digitalisierung unsere Gesellschaft ja in den letzten Jahren schon maßgeblich verändert. Neue Technologien und Geschäftsprozesse, immer schnellerer Wandel, immer mehr Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen, Internationalisierung und Globalisierung. Diese Prozesse werden sich fortsetzen und intensivieren.
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Technische Innovationen machen das Leben leichter. Wird unser Leben durch die digitalen Technologien auch besser?
Für mich ist ein wesentlicher Vorteil der Digitalisierung die Steigerung der Effizienz. Die Digitalisierung ermöglicht einen sparsameren Einsatz natürlicher Ressourcen, von Zeit und von Arbeit. Während die ersten beiden Aspekte sicherlich uneingeschränkt positiv sind, müssen beim Faktor „Arbeit“ wichtige soziale Gesichtspunkte berücksichtigt werden.
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Embedded Systeme sind als Basistechnologie ein wesentlicher Motor der Digitalisierung. Wo werden sie eingesetzt und welche Entwicklung werden sie nehmen?
Das Faszinierende an den Embedded Systemen ist, dass sie überall eingesetzt werden, d.h. überall dort, wo sensiert, gesteuert, geregelt und agiert wird. Embedded Systeme sind somit im besten Sinne des Wortes eine „Enabling Technology“. Diese Einsatzmöglichkeiten werden sich in dem Maße fortsetzen und intensivieren, in dem die Bauelemente immer kostengünstiger und energieeffizienter werden.
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Können Sie ein Beispiel aus dem Alltag nennen?
Es ist mittlerweile fast schwerer, kein Beispiel aus dem Alltag zu nennen: Das fängt bei der Weißen Ware, wie Spül- oder Waschmaschine an, geht über die Energietechnik bei der Photovoltaik, der Heizungsanlage oder dem elektronischen Verbrauchszähler weiter, und reicht natürlich bis zur Verkehrstechnik, insbesondere zur Automobilelektronik, wo ein modernes Auto 60 bis 70 Embedded Systeme von der Motorsteuerung und dem Fensterheber bis zu den Funktionen des autonomen Fahrens hat.
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Embedded Systeme bilden die Grundlage für das Internet der Dinge. Wie weit darf die Vernetzung gehen? (D.h. darf alles was möglich ist, auch umgesetzt werden?) Kann das Netz „reißen“ bzw. sich verselbständigen?
Ich glaube, dass es eine geradezu Kant’sche Grundregel ist, dass die Vernetzung des einen nur so weit gehen darf, wie die Privatsphäre des anderen nicht verletzt wird. Dabei besitzen aber auch Maschinen und Fabriken eine Privatsphäre, die Zulieferer, Kunden, Konkurrenten oder Analysten nicht verletzen dürfen, bzw. verletzen können dürfen. Eine zweite Regel besagt für mich, dass nur sichere Systeme vernetzt werden sollten. Dies ist aber aus verschiedenen Gründen gerade im Bereich der Embedded Systeme nicht der Fall. Dies kann daran liegen dass die Systeme extrem kostenoptimiert sind, dass sie schon vor vielen Jahren in Betrieb genommen wurden, als das Thema der IT-Security noch nicht so ernst genommen wurde, oder dass die Verwaltung der Sicherheit für die Embedded Systeme ohne leistungsfähige Benutzerschnittstelle schwierig ist, wenn also kein Passwort eingegeben werden, weil das System nur über ein paar einfache Knöpfe verfügt.
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Künstliche Intelligenz ist das „Next Big Thing“. Wo steht die Forschung aktuell?
Die Forschung rund um „KünstIiche Intelligenz“ und „Maschinelles Lernen“ erreicht beeindruckende Ergebnisse, die bislang besonders gut funktionieren, wenn die zu Grunde liegenden Datenmengen groß sind. So können beispielsweise die Verfahren für die Bilderkennung oder für soziale Medien mit Millionen von Datensätzen trainiert werden. In industriellen Anwendungen liegen oft aber nur Dutzende oder Hunderte Trainingsdaten zur Verfügung. Hier ist es weiterhin eine der Herausforderungen, auch mit geringen Datenmangen gute Ergebnisse zu erzielen.
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Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Sorgen machen? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Oh, bei aller Begeisterung für das Thema „Digitalisierung“ und „Internet der Dinge“ gibt es eine Menge von wichtigen und kritischen Aufgaben für die Zukunft. Diese reichen von der bereits angesprochenen Sicherheit der Systeme und der Privatsphäre über das Verstehen und die Kontrolle auch komplexer autonomer Systeme bis hin zu den gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der technologischen Entwicklung, die ja bereits in den vergangenen Jahren eingesetzt haben. Hier ist für mich eine zentrale Herausforderung, dass wir dem „Digital Divide“ entgegenwirken, also der Tatsache, dass viele Menschen nicht am Fortschritt mitarbeiten und nicht teilhaben können. Dies gilt leider nicht nur international für vielen Regionen der Welt, sondern auch für viele Menschen in unseren nationalen Gesellschaften. Hier müssen wir daran arbeiten, dass wir diese in die zukunftsrelevanten Prozesse einbeziehen können.
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Wie und wer regelt, was eine Künstliche Intelligenz lernen darf? Kann und müsste man einer KI nicht auf jeden Fall ethische Werte beibringen?
Bislang regelt dies keiner. In diesem Zusammenhang würde ich aber gern zwei Aspekte erwähnen. Zum einen hinkt die Juristerei, und hierbei sowohl die Legislative als auch die Judikative, in vielen dieser technologischen Bereiche meilenweit hinterher und lässt Spielräume zu, die gerade von aggressiven Technologieunternehmen genutzt werden. Zum anderen gilt auch hier, dass Technologie an sich erst einmal nicht „gut“ oder „böse“ ist, sondern dass es auf die Anwendung ankommt. Und diese ethische Frage ist sehr komplex, muss aber immer im Auge behalten werden. Die Podiumsdiskussionen auf der embedded world, aber auch auf der Net.Law.S, ebenfalls in Nürnberg, sind Foren, die die Diskussion vorantreiben.
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Moderne Roboter bewegen sich wie Menschen oder Hunde. Sie bewegen sich und es macht den Anschein, als können sie wie wir Menschen sehen und Gegenstände erkennen (embedded vision). Was sind die nächsten Entwicklungsschritte? Was fehlt noch zur echten Kopie?
In der Tat werden die Maschinen immer menschenähnlicher. Aber wie wir wissen, gibt es neben der intellektuellen auch noch eine emotionale Intelligenz. Hier gibt es erste Ansätze, z.B. bei interaktiven Servicesystemen oder bei Pflegerobotern.
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Lässt sich die Digitalisierung lenken? Welchen Beitrag leisten dabei Branchentreffen wie die embedded world?
Eine Besonderheit bei Digitalisierung und Internet der Dinge besteht darin, dass die Entwicklung von in endlos vielen Unternehmen und Institutionen so dezentral stattfindet, wie auch viele Lösungen aussehen. Eine zentrale Lenkung erscheint mir nicht möglich. Nichtsdestoweniger verschlafen hier unsere staatlichen Organe hier soeben wichtigen Gestaltungsspielraum. Umso wichtiger sind „Familientreffen“ wie die embedded world, auf denen man nicht nur technische Probleme diskutiert und neue Lösungsansätze vorstellt, sondern auch strategische und ethische Fragestellungen aufgreift.
Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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