• 25.02.2026

Luisa Neubauers Keynote auf der BIOFACH 2026: „Ein gelebtes Ja zur Welt“

Als internationale Leitmesse der Bio-Lebensmittelbranche brachte die BIOFACH vom 10. bis 13. Februar 2026 in Nürnberg erneut Akteurinnen und Akteure aus der gesamten ökologischen Wertschöpfungskette zusammen. Unter dem Leitthema „Growing Tomorrow: Young Voices, Bold Visions“ setzte die Messe bewusst auf die Perspektive junger Generationen – und eröffnete mit einer Keynote von Luisa Neubauer, die diesen Anspruch programmatisch aufgriff.

Geschrieben von Stefan Jablonka

Luisa Neubauer spricht bei der Eröffnungszeremonie der Biofach 2026

Die Klimaschutzaktivistin und Publizistin wählte keinen abstrakten Einstieg, sondern begann persönlich: mit ihrer Kindheit zwischen Bio-Produkten der Mutter und Nürnberger Rostbratwürsten des Vaters. Aus dieser biografischen Spannung leitete sie eine zentrale Botschaft ab: Ernährung ist keine Privatangelegenheit, sondern politisch. Ein Kühlschrank-Sticker mit der Aufschrift „Essen ist politisch“ wurde für sie zum Sinnbild einer Erkenntnis, die sie bis heute prägt.

Nach dem Abitur habe sie vieles gekonnt, so Neubauer, aber nicht gewusst, wie man eine Karotte anbaut. Diese Lücke führte sie auf einen Biobauernhof in England, wo sie im Rahmen von „Woofing“ – einem internationalen Austauschprogramm, bei dem Menschen auf ökologischen Höfen mitarbeiten und im Gegenzug Unterkunft und Verpflegung erhalten – Landwirtschaft praktisch erlebte. Dort habe sie verstanden, was Böden leisten – und was sie verlieren, wenn sie über Jahrzehnte ausgebeutet werden. Landwirtschaft wurde für sie zur konkreten Erfahrung planetarer Grenzen.

Luisa Neubauer auf der Bühne der BIOFACH 2026
Die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer bei ihrer Keynote zur Eröffnung der BIOFACH 2026.

Bewegung entsteht nicht über Nacht

Mit Blick auf Fridays for Future widersprach Neubauer der Vorstellung einer spontanen Jugendbewegung. Große Momente entstünden, wenn Generationen aufeinander aufbauen. Sie verwies auf Reformhaus-Initiativen nach dem Krieg, auf die Anti-AKW-Bewegung und die Pioniere der Energiewende. Das, was später Millionen auf die Straße brachte, sei das Ergebnis jahrzehntelanger Vorarbeit gewesen. Hoffnung sei deshalb immer auch ein Generationenprojekt.

Heute, so Neubauer, sei es nicht allein die Abfolge von Katastrophen, die beunruhige, sondern das „radikale Übersehen“ dieser Krisen. Während sich ökologische Probleme verschärften, dominierten andere Narrative die öffentliche Aufmerksamkeit. Sie verwies auf weltweite Finanzflüsse, von denen 97 Prozent naturzerstörend wirkten, während nur drei Prozent positive Effekte auf die Natur hätten. Gleichzeitig zeigten ökonomische Risikoberichte, dass ökologische Gefahren zu den größten Bedrohungen für die Weltwirtschaft zählen.

Hoffnung ist kein Privileg

Den emotionalen Kern ihrer Keynote bildete die Geschichte ihrer Gastschwester Agnes aus Tansania. Agnes arbeitet heute als Ausbilderin für Permakultur und schult Frauen in nachhaltigem Anbau und Klimaresilienz. Von ihr habe sie einen Satz gelernt, der zum Leitmotiv wurde: Die Hoffnung aufzugeben sei ein Privileg – und dieses Privileg habe nicht jeder. Wer in Regionen lebe, in denen Ernten und Lebensgrundlagen direkt vom Klimawandel betroffen seien, könne sich Resignation nicht leisten.

Neubauer sprach von einer politischen „Illusion“, die so tue, als gäbe es keine planetaren Grenzen. Der Moment, in dem eine Wissenschaftlerin, ein Aktivist oder ein Biobauer einen Fakt in den Raum stelle, werde zur „Disruption“. Hoffnung bedeute in dieser Zeit, nicht den Verstand zu verlieren, nicht die Augen vor der eigentlichen Welt zu verschließen und sich nicht an einer „strategischen Verdummung der Öffentlichkeit“ zu beteiligen.

Messebesucher strömen zum Eingang Mitte für die BIOFACH 2026
Mit rund 32.000 Fachbesuchern setzte die Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel auch 2026 starke Impulse.

Bio als gelebtes Ja

Für die BIOFACH formulierte Neubauer daraus einen klaren Auftrag. Nachhaltig Bio anzubauen sei mehr als eine Produktionsweise – es sei ein „gelebtes Ja zur Welt“. Ein Ja zu intakten Böden, zu fairen Bedingungen, zu einer Landwirtschaft ohne Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur. Wer hier Verantwortung übernehme, führe den Beweis, dass ökologisches Wirtschaften möglich sei.

Im Mittelpunkt standen für sie die jungen Generationen. Ihnen schulde man nicht nur intakte Böden, sondern auch politische Rahmenbedingungen und Finanzierungsmodelle, die nachhaltige Landwirtschaft ermöglichen. Vor allem aber schulde man ihnen den praktischen Beweis, dass eine andere Form des Wirtschaftens funktioniert – ökologisch, fair und zukunftsfähig.

Rückenwind statt Resignation

Zum Abschluss rief Neubauer dazu auf, sich nicht kleinreden zu lassen. Gerade in Zeiten, in denen Hoffnungslosigkeit Teil politischer Strategien sei, werde das Weitermachen selbst zum Akt des Widerstands. Für die Bio-Branche bedeute das, nicht nur Pionierin zu sein, sondern Rückgrat zu zeigen: als Rückenwind für Landwirtinnen und Landwirte, als Stimme für tragfähige Rahmenbedingungen – und als sichtbares Zeichen dafür, dass Transformation möglich ist.

Mit dieser Botschaft fügte sich die Keynote in das Leitmotiv der BIOFACH 2026 ein. „Growing Tomorrow“ bedeutete an diesem Vormittag vor allem eines: Verantwortung nicht zu delegieren, sondern anzunehmen – als Branche, als Gesellschaft und als Generation.

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Stefan Jablonka