Die Heimtierbranche steht vor einem Wandel, der weit über Verpackungen, Recyclingquoten oder einzelne ESG-Maßnahmen hinausgeht. Genau diese Botschaft stand im Zentrum der ersten Interzoo Sustainability Conference 2026 in Nürnberg. Mit Elliott Harris sprach dort einer der international profiliertesten Ökonomen für nachhaltige Entwicklung über die Zukunft von Wirtschaft, Risiko und Verantwortung – und machte deutlich: Nachhaltigkeit ist aus seiner Sicht längst kein optionales Zusatzthema mehr, sondern eine zentrale Voraussetzung wirtschaftlicher Stabilität.
Der ehemalige Assistant Secretary-General der Vereinten Nationen und frühere UN-Chefökonom für wirtschaftliche Entwicklung eröffnete die Konferenz mit einer klaren Diagnose: Zehn Jahre nach Verabschiedung der Sustainable Development Goals (SDGs) sei die Welt bei vielen Nachhaltigkeitszielen nicht auf Kurs. Gleichzeitig werde die Debatte zunehmend schwieriger – geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und kurzfristige Renditeerwartungen erschwerten langfristige Entscheidungen.
Und doch formulierte Harris eine ebenso klare Gegenposition: Nicht Nachhaltigkeit gefährde die Profitabilität von Unternehmen, vielmehr werde fehlende Nachhaltigkeit langfristig zum Risiko.
Nachhaltigkeit als Geschäftsrisiko
Harris argumentierte dabei weniger moralisch als ökonomisch. Klimarisiken, Ressourcenknappheit, Luftverschmutzung oder instabile Lieferketten seien längst nicht mehr nur Umweltfragen, sondern konkrete wirtschaftliche Faktoren. Besonders deutlich wurde dies an einem Beispiel aus der Versicherungsbranche.
So erinnerte Harris an den Hurrikan Andrew, der 1992 in Florida Schäden in Milliardenhöhe verursachte und mehrere der weltweit größten Versicherungsunternehmen an den Rand der Insolvenz brachte. Die Branche habe daraus gelernt, Risiken neu zu modellieren und Klimarisiken systematisch einzupreisen. Als Hurrikan Sandy zwanzig Jahre später noch deutlich höhere Schäden verursachte, seien die Versicherer wesentlich besser vorbereitet gewesen.
Für Harris ist genau das der entscheidende Punkt: Nachhaltigkeit werde zunehmend Teil klassischer Risikoanalyse. „Wenn wir es nicht tun, wird es teurer“, sagte er im Nachgang im Gespräch mit Moderator Paul van der Raad – eine Aussage, die die Kernbotschaft seines Auftritts auf der Interzoo verdichtete.
Selbstkritischer Blick auf die Nachhaltigkeitsagenda
Bemerkenswert offen sprach Harris auch über Versäumnisse der internationalen Nachhaltigkeitspolitik. Rückblickend habe man bei der Entwicklung der SDGs unterschätzt, wie eng Nachhaltigkeit mit Finanzierungs- und Geschäftsmodellen verbunden sei.
„Ich hätte Banker mit an den Tisch geholt und die Finanzwelt von Anfang an stärker eingebunden“, sagte Harris mit Blick auf die damaligen Verhandlungen. Banken und Finanzmärkte hätten früh verstanden, dass Nachhaltigkeit eng mit Risikomanagement verbunden sei. Politik allein reiche nicht aus. Entscheidend sei, nachhaltige Geschäftsmodelle wirtschaftlich tragfähig zu machen und Unternehmen konkrete Transformationspfade zu eröffnen. Damit verschob Harris die Nachhaltigkeitsdebatte weg von reiner Bewusstseinsbildung hin zu einer Frage von Anreizen, Finanzierung und wirtschaftlicher Steuerung.


